Auch am fünften Tag der Proteste zehntausender Demonstranten gegen die regierende Militärführung sind in Ägypten mehrere Menschen getötet worden. Mindestens drei Demonstranten seien von Sicherheitskräften erschossen worden, sagte ein Arzt in einem Feldlazarett in der Hauptstadt Kairo. Politiker aus aller Welt verlangten ein sofortiges Ende der Gewalt.
Der Arzt Chadi el Naggar sagte, er habe die Toten noch nicht untersuchen können. Sie seien aber "mit Sicherheit" durch Kugeln getötet worden. "Einer hatte einen zerschmetterten Schädel", sagte Naggar in einer zum Lazarett umgewandelten Moschee nahe dem symbolischen Tahrir-Platz im Zentrum Kairos. Seit Samstag kamen in Ägypten mehr als 30 Menschen ums Leben.
Der Geistliche Fausi Abdel Wahib sagte, dort sei ein zehnjähriges Kind eingeliefert worden, das von einer Kugel verletzt worden sei. Auch andere Mediziner und AFP-Korrespondenten berichteten von Schusswunden. Die Militärführung bekräftigt hingegen, dass die Sicherheitskräfte weder Schusswaffen noch Gummigeschosse einsetzten.
Ein im Internet kursierendes Video zeigt jedoch einen Polizisten in der Nähe des Tahrir-Platzes, wie er mehrere Schüsse auf Demonstranten abgibt. Danach wird er von einem Kollegen gelobt. "In sein Auge, das ging in sein Auge, bravo, mein Freund", ruft ihm dieser zu. Ein aus dem Video stammendes Foto des Schützen macht seither auch in Papierform die Runde bei den Demonstrationen.
Tausende Demonstranten hatten in der Nacht auf dem Tahrir-Platz ausgeharrt, um ihren Protest gegen den Obersten Militärrat am Morgen fortzusetzen. Ratschef Hussein Tantawi hatte am Dienstag Zugeständnisse gemacht. Er akzeptierte den Regierungsrücktritt und legte sich eindeutig auf Termine für Parlaments- und Präsidentenwahlen fest. Die Demonstranten forderten aber weiter seinen Rückzug.
"Tantawi ist wie Mubarak in Militäruniform", sagte der Demonstrant Ahmed Mamduh in Anspielung auf den im Februar gestürzten langjährigen Staatschef Husni Mubarak. "Eine zweite Revolution", titelte die ägyptische Tageszeitung "El Achbar". Nach Mubaraks erzwungenem Rücktritt hatte das Militär die Macht in Ägypten übernommen. Am Montag sollen in dem Land Parlamentswahlen beginnen.
UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay forderte, den "unverhältnismäßigen Einsatz von Gewalt" zu beenden. Ähnlich äußerte sich der britische Außenminister William Hague. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, sie beobachte die Entwicklung in Ägypten "mit Bangen". "Die Revolution in Ägypten hängt an einem seidenen Faden", warnte auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP). Die Menschen gingen dort nicht mehr "nur gegen alte Diktaturen auf die Straße, sondern für Demokratie und Freiheit".
"Was wir aus Ägypten hören, muss uns große Sorgen machen", sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU). Regierungssprecher Steffen Seibert sprach von einer "Zuspitzung der Lage" und rief das ägyptische Militär auf, "gegen friedliche Demonstranten nicht mit Gewalt vorzugehen". Die Forderungen der Protestierenden seien aus deutscher Sicht verständlich.


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