Die heutigen Früherkennungsuntersuchungen reichen nach Ansicht von Ärzten nicht aus, um der hohen Zahl von psychosozialen Problemen bei Kindern zu begegnen. Insgesamt haben rund 15% der Kinder und Jugendlichen in Deutschland laut Kiggs-Studie von 2006 zumindest Hinweise auf psychische Auffälligkeiten. Einer neuen Teilauswertung zufolge liegt die Gesamtzahl sogar bei etwa 20%. Besonders Kinder aus sozial benachteiligten Familien sind demnach betroffen. „Deshalb ist es höchste Zeit, die Richtlinien für die Untersuchungen zu ändern“, forderte Rudolf Henke, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer (BÄK), in Berlin. Es müsse ein stärkeres Gewicht auf die Erkennung psychischer Störungen, aber auch auf Bewegungsmangel und falsche Ernährung der Kinder gelegt werden.
„Solche Probleme füllen heute die Sprechzimmer niedergelassener Kinder- und Jugendärzte“, sagte Prof. Hans Georg Schlag, der mehr als 25 Jahre das Kinderneuorologische Zentrum der Universität Bonn leitete. Er sprach von einer „Neuen Morbidität“ unter Kindern und Jugendlichen, die vor allem in ärmeren Schichten zutage trete: Verhaltens- und Entwicklungsstörungen, die oft in der Familie ihren Ursprung hätten und die es frühzeitig zu erkennen gebe. „Prävention, etwa in Form von Elterntrainings, hat dabei bessere Erfolgsaussichten als die Behandlung vorhandener Störungen.“
Kulturelle Verständnisschwierigkeiten können hinzu kommen. „Nicht immer sprechen Arzt und Patienten dieselbe Sprache“, ergänzte der Münchner Kinder- und Jugendarzt Stephan Böse-O'Reilly auf der BÄK-Tagung. Es brauche Zeit, um die vermuteten Probleme ohne Vertrauensbruch anzusprechen. Auch eine intensivere Zusammenarbeit mit anderen potenziellen Helfern - von Psychiatern, Hebammen und Lehrern bis zu Sozialarbeitern sei notwendig, ebenso wie die Einführung sozialpädiatrischer Aspekte in die Arbeit der Kinder- und Jugendärzte.
Noch unveröffentlichte Ergebnisse aus der sogenannten Bella-Studie belegen, dass etwa 10% der 3- bis 17-Jährigen psychische Auffälligkeiten zeigen, weitere 12% haben mögliche Hinweise darauf. Bella ist eine vertiefende Modulstudie zu Kiggs mit mehr als 2.800 Familien. Insgesamt hat die Anzahl der betroffenen Kinder seit den 50er Jahren demnach jedoch nicht zugenommen.
Auch die Bella-Untersuchung bestätigt, dass in armen und problembehafteten Familien Kinder doppelt so häufig psychisch auffällig sind, wie in Familien mit hohem sozioökonomischem Standard. Im ersten Fall sind es 31, im zweiten 16,6%. Die Familie ist demnach der wichtigste Einflussfaktor für die psychische Gesundheit von Kindern - sowohl als Risiko wie auch als Ressource.
Quelle: dpa


