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    Geheimdienste verfolgen drei Hauptspuren

    Die Suche nach den Hintergründen des Attentats von Burgas mit sechs Toten läuft auf Hochtouren – erste Spuren gibt es. Israel und die USA sind überzeugt, dass Iran und Hisbollah dahinterstecken.

    In Bulgarien läuft einen Tag nach dem Terroranschlag auf israelische Touristen in der Küstenstadt Burgas die Suche nach den Drahtziehern und möglichen Helfern – und nach Verantwortlichen in der bulgarischen Politik.

    Dabei gerät die Regierung zunehmend unter Druck. Die Verantwortung für das Selbstmordattentat mit sechs Opfern – fünf Israelis und der bulgarische Busfahrer – liege bei Premierminister Bojko Borissow und seiner Regierung, erklärte Angel Najdenow, der stellvertretende Fraktionschef des linken Oppositionsbündnisses "Koalition für Bulgarien".

    Ivan Kostow, Vizechef der konservativen "Blauen Koalition", forderte die Regierung auf, endlich Stellung zu der Frage zu beziehen, ob die nationale Sicherheit noch gewährleistet sei. Das Schweigen sei "unerklärlich". Er habe Dutzende Male vor der "Bedrohung durch den islamischen Fundamentalismus" gewarnt, sagte Volen Siderow von der rechtsextremen Ataka-Partei: Die Sicherheitsdienste seien auf das blutige Attentat "absolut unvorbereitet" gewesen.

    Premier Borissow, dessen Regierung sich wegen des enttäuschenden Fortschrittsberichts der EU-Kommission am kommenden Dienstag einem Misstrauensvotum stellen muss, wies im Parlament den Vorwurf nachlässiger Sicherheitsvorkehrungen zurück. Es bestehe keine Chance, Anschläge von Selbstmordattentätern zu verhindern, die in jedem Hotel oder Restaurant geschehen könnten. Es habe schon zuvor Anschläge in Bulgarien gegeben, verwahrte sich der Regierungschef auch gegen Kritik an Bulgariens Ermittlungsbehörden, die "sehr aktiv" operieren würden.

    Junal Ljutwi, ein Abgeordneter der GERB-Partei von Borrisow, warnte in der Parlamentsdiskussion davor, in der Vielvölkernation Bulgarien den Islam und Terrorismus gleich zu setzen. Der Terrorismus habe weder eine Religion noch eine Nationalität. In Zeiten des internationalen Terrorismus gebe es keine großen oder kleinen Nationen, schrieb der Kommentator des Online-Portals "Svobodata". Die Hoffnung, dass kleinere Länder wie Bulgarien dieser "Barbarei" entkommen könnten, habe sich zerschlagen.

    In Israel wurden am Freitag die fünf Opfer zwischen 25 und 44 Jahren, darunter eine schwangere Frau, beigesetzt. Sie waren in der Nacht mit einer Maschine der israelischen Luftwaffe zum Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv geflogen worden. Die Särge waren in israelische Flaggen gehüllt. Zuvor hatten zwei weitere Maschinen 36 israelische Verletzte nach Hause gebracht.

    In Bulgarien versuchen die Ermittler derweil noch immer, die Identität des mutmaßlichen Täters zu bestimmen. Innenminister Zwetan Zwetanow dementierte Medienberichte, dass es sich bei dem Attentäter um einen früheren Insassen des US-Gefangenenlagers Guantánamo auf Kuba handeln könne.

    Sicher sei, dass es sich um einen Ausländer gehandelt habe, der mindestens vier Tage, möglicherweise aber auch schon mehr als eine Woche vor dem Anschlag in das Land eingereist sei, sagte Zwetanow: Möglich sei, dass er einen Komplizen gehabt und sich in den Tagen vor dem Anschlag im Küstenort Ravda aufgehalten habe. Zu bulgarischen Medienberichten, dass der Attentäter über Rumänien eingereist sei, verweigerten die Sicherheitsdienste des Nachbarlands allerdings jeden Kommentar.

    Die bulgarische Nachrichtenagentur Novinite berichtete, die Geheimdienste Israels, der USA und Bulgariens verfolgten mittlerweile drei Hauptspuren. Israel sei nach wie vor überzeugt, dass die libanesische Hisbollah mit Unterstützung des Irans hinter dem Attentat stehe.

    Bulgarische Sicherheitsexperten nannten als weitere mögliche Auftraggeber das Terrornetzwerk al-Qaida oder türkische Terroristen, die sich für den Einsatz der israelischen Armee gegen die "Mavi Marmara" vor dem Gazastreifen rächen wollten. Dabei waren im Mai 2010 neun Menschen gestorben, darunter acht Türken. Möglicherweise habe der Attentäter über mehrere Helfer im Land verfügt – islamische Fundamentalisten libanesischer oder bulgarischer Nationalität.

    US-Sicherheitsexperten erklärten gegenüber der "New York Times", der Attentäter sei vermutlich Teil einer in Bulgarien operierenden und vom Iran unterstützten Hisbollah-Zelle. Laut bulgarischen Medienberichten hat aber selbst eine DNA-Analyse dessen Identität noch nicht klären können. Er soll sich laut der Staatsanwaltschaft in Burgas zuvor in den Orten Ravda und Pomorie aufgehalten und versucht haben, dort einen Wagen zu mieten. Doch der Eigentümer des Autoverleihs habe Zweifel an den ihm vorgelegten Papieren gehabt – und auf das Geschäft verzichtet.

    Nach dem Anschlag von Burgas hat auch Rumäniens Regierung für alle nationalen Flughäfen die höchste Alarmstufe verhängt. Bulgariens Wirtschaftsminister Deljan Dobrew bestätigte zwar, "mehrere Hundert" Touristen aus Israel hätten ihren bereits gebuchten Bulgarien-Urlaub storniert.

    Doch er versicherte, dass wegen des Anschlags mit keinen größeren Einbrüchen bei den Besucherzahlen zu rechnen sei. Selbst ein Drittel der israelischen Touristen, die den Anschlag in Burgas unbeschadet überstanden hätten, habe sich entschieden, ihren Urlaub wie geplant an der bulgarischen Küste zu verbringen: "Israelis sind an die ständige Bedrohung gewöhnt – und darum gelassener als wir."