Immer mehr Terroristen aus dem Ausland machen sich auf den Weg nach Syrien. Al-Qaida ist längst im Land präsent. Noch wollen die Rebellen nichts von ihnen wissen. Aber das könnte sich ändern.
Während Chaos und Gewalt in Syrien um sich greifen, mischen sich zunehmend neue Akteure von außen in den Konflikt ein. Streitigkeiten um Spendengelder aus dem Ausland führen inzwischen zu Rivalitäten zwischen einzelnen Rebellengruppen.
Zwar fehlt es der Freien Syrischen Armee (FSA) nach wie vor an Waffen, Munition und Geld. Doch: Einige Gruppen sind bis an die Zähne bewaffnet, andere können sich kaum Patronen leisten. Das sorgt natürlich für Konflikte", sagt Ahmed, ein Aktivist aus Hama.
Die FSA ist keine Armee mit zentraler Führung. Vielmehr handelt es sich um eine Sammelbewegung von Bürgerwehren und Milizen.
Diese Struktur erhöht die Gefahr, dass rivalisierende Interessengruppen einzelne Bataillone für ihre jeweiligen Zwecke in Dienst nehmen. "Wer dir Geld gibt, der will auch etwas dafür haben", sagt Ahmed.
Der größte Teil der Gelder kommt offenbar aus den Golfstaaten: Saudi-Arabien und Katar hätten im April beschlossen, die FSA mit mehreren Millionen Dollar zu finanzieren, schreibt die "Washington Post".
Auch islamistische Gruppen spielen eine große Rolle. Vor allem der syrischen Muslimbruderschaft ist es gelungen, ihren Einfluss auszubauen. "Wir unterstützen unser Volk in Syrien schon eine ganze Weile mit humanitärer und finanzieller Hilfe", sagt Mulham al-Drubi, ein Führungsmitglied der Partei.
Viele Aktivisten fürchten, dass die Zahlungen mit einer ideologischen Vereinnahmung verknüpft sind: "Die Muslimbrüder und die Salafisten in den Golfstaaten sind in der Lage, in den Moscheen Spenden zu sammeln", sagt der Menschenrechtler Wissam Tarif.
"Mit diesen Geldern machen sie einige FSA-Gruppen praktisch zu Söldnereinheiten, die eine politische Agenda vorantreiben." Die Folgen seien bereits zu spüren. Zum Beispiel hat Tarif einen deutlichen Anstieg der konfessionellen Spannungen beobachtet.
Auffällig ist zudem, wie sich das Erscheinungsbild der Rebellen gewandelt hat: Videos zeigen, dass viele Kämpfer neuerdings Bärte im Salafisten-Stil tragen. Auch schwarze Banner mit Koraninschriften tauchen häufiger auf.
Schon seit Längerem wächst in Syrien die Angst, dass die Brutalität des Regimes die Rebellen extremistischen Gruppen zutreiben könnte. "Die internationale Gemeinschaft redet und redet, während hier jeden Tag Menschen sterben", sagt Walid Fares, ein Aktivist aus der Protesthochburg Homs.
"Wenn uns sonst niemand zur Seite steht, werden wir uns mit dem Bösen selbst verbünden." Im Hintergrund fallen Schüsse. Fares lebt im Viertel Khalidija, das derzeit unter Kontrolle der FSA steht; beinahe täglich greifen die Streitkräfte die Siedlung an.
Derzeit mehren sich Anzeichen, dass ausländische Extremisten nach Syrien eingesickert sind. Im Februar hatte Al-Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri dazu aufgerufen, den Kampf gegen das Assad-Regime zu unterstützen.
Ende April wurden nahe Homs zwei libanesische Anhänger der al-Qaida-nahen Terrorgruppe Fatah al-Islam getötet. Seit mehreren Wochen wird Syrien zudem immer wieder von Bombenanschlägen erschüttert, die an das im Irak verbreitete Muster erinnern.
UN-Generalsekretär Ban Ki-moon sagte, er vermute al-Qaida hinter einem Doppelanschlag, bei dem in der Hauptstadt Damaskus in der letzten Woche mindestens 55 Menschen getötet und 370 verletzt wurden. Zwei Vertreter des Syrischen Nationalrates sagten dem Nachrichtensender Al-Arabija jedoch, die Anschläge seien von Terroristen verübt worden, die das Regime von Präsident Baschar al-Assad als "Reserve für schlechte Zeiten" in seinen Gefängnissen festgehalten habe.
Die meisten Oppositionellen bestreiten jedoch je ausländische Kämpfer gesehen zu haben. Verlässlich sind diese Zusicherungen nicht. Es würde ihnen schaden, wenn der Eindruck entsteht, dass der Aufstand von al-Qaida unterwandert worden ist.
Hasrid, ein Aktivist in Damaskus, zählt zu den wenigen, die bereit sind, die Präsenz von Extremisten aus den Nachbarländern zuzugeben. "Wir haben von diesen Leuten gehört", sagt er. Jedoch falle es den Dschihadisten schwer, sich in die Einheiten der FSA einzufügen.
"Diese Typen sind Idioten, die es darauf anlegen, getötet zu werden", sagt er. "Die FSA-Kämpfer haben zumindest Ansätze von Selbsterhaltungstrieb und Professionalität. Mit diesen großsprecherischen Fremden, die daherkommen und sie auf den rechten Weg des Sieges gegen die Ungläubigen führen wollen, haben sie nichts gemeinsam."
Denkbar sei jedoch auch, dass das Regime die Extremisten einspannt, um die Protestbewegung zu diskreditieren, sagt ein renommierter westlicher Politologe in Damaskus, der anonym bleiben will: "Es wäre ihnen zuzutrauen, die dschihadistische Bedrohung zu instrumentalisieren."
Amer, ein Aktivist aus dem ostsyrischen Deir Assur, berichtet jedoch, es sei ungefähr einen Monat her, dass eine Delegation von al-Qaida aus dem Irak in seine Stadt kam. "Es waren ungefähr 20 Leute. Sie sagten, sie könnten uns helfen. Wir müssten uns aber im Gegenzug ihren Regeln unterwerfen." Die örtliche FSA-Führung hätte die Männer abgewiesen. "Sie sagten ihnen: Ihr seid bei uns nicht willkommen."
Und dennoch, so räumt auch Amer ein, befördert die nahe gelegene Grenze den Zustrom militanter Islamisten: Etwa ein Dutzend Syrer seien inzwischen aus dem Irak nach Deir Assur zurückgekehrt.
Vor Jahren zogen sie mit Billigung von Damaskus in den Kampf gegen die US-Besatzung. Jetzt sind sie wieder da, als trainierte, kampferprobte Krieger, und haben ihre Waffen gegen das Regime erhoben.
Robert Mood, der Leiter des in Syrien stationierten UN-Beobachterteams, sagte unterdessen, dass er ohne einen ernsthaften Dialog zwischen den Konfliktparteien keine Chance auf ein dauerhaftes Ende der Gewalt sehe. Nach UN-Schätzungen kamen im Konflikt bisher mehr als 10.000 Menschen ums Leben.


