Marseille/Berlin (dapd). Eine Berufung des krisengestählten Euro-Fachmanns Jörg Asmussen in die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) soll die Finanzmärkte beruhigen und deutschen Stabilitätsforderungen eine Stimme geben. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) gab am Wochenende bekannt, dass er seinen derzeitigen Staatssekretär als Nachfolger für EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark vorschlage. Der hatte im Streit über die Anleihenkäufe der Europäischen Zentralbank am Freitag überraschend seinen Rücktritt angekündigt.
Schäuble gab die eilige Personalentscheidung am Rande des G-8-Ressortcheftreffens in Marseille bekannt. Er schlug den erst 44 Jahre alten Assmussen bereits bei Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker vor, der seine Zustimmung signalisierte.
Nun muss Asmussen zunächst einstimmig von der Eurogruppe nominiert, dann von EU-Parlament und EZB-Direktorium angehört und schließlich von den Euro-Staats- und Regierungschefs bestätigt werden. Dass Berlin seinen Wunschkandidaten durchbringt, daran bestehen keine begründeten Zweifel. Alles andere als eine rasche Lösung des Personalproblems würde ein verheerendes Signal an die Märkte senden. Zahlreiche Banktitel hatten am Freitag zehn Prozent und mehr verloren, weil die Anleger das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der EZB bezweifelten.
Für Schäuble bedeutet die eilige Personalentscheidung einen schmerzhaften Verlust, denn Asmussen ist eine seiner wichtigsten Waffen im Kampf gegen die Eurokrise. Von der Konstruktion der Rettungsschirme bis zur Privatgläubigerbeteiligung bei der Griechenland-Kur - stets handelte Asmussen die komplizierten Einzelheiten aus. "Mir ist die Entscheidung wahrscheinlich am schwersten gefallen", räumte der Minister am Samstag auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit Asmussen ein. "Wir haben sehr viel zu tun, wir brauchen ihn dringend."
Für den oft knorrigen Schäuble ist das schon eine deutliche Sympathie- und Respektsbekundung. Asmussen selbst dankte gewohnt kühl und korrekt für das Vertrauen, das Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Schäuble in ihn setzten. Und fügte hinzu: "Ja, es gibt einen Punkt, da ist das auch mir schwergefallen. Denn ich sehe keinen Grund, das, was man jetzt tut, für den jetzigen Chef, nicht gerne zu tun."
Um die Stabilisierung der Eurozone geht es auch in Asmussens künftigem Job als Chefvolkswirt im Frankfurter EZB-Turm. Stark hatte am Freitag "aus persönlichen Gründen" seinen Rücktritt zum Jahresende angekündigt. Dahinter steckt, dass die EZB in großem Stil Anleihen von klammen Eurostaaten wie Italien und Spanien aufkauft. Stark hatte das oft offen und laut kritisiert. Aus Protest gegen den Anleihen-Aufkauf hatte schon der frühere Bundesbankchef Axel Weber das Handtuch geworfen, was Berlin den Chefposten der EZB kostete.
Der Sozialdemokrat Asmussen galt bislang nicht als geldpolitischer Falke, der ausschließlich der Preisstabilität Priorität einräumt. Wird er in Zukunft Starks harte Linie vertreten? "Für Einzelfragen ist noch nicht der Moment", sagte er in Marseille, schließlich sei er noch lange nicht gekürt. Und bis dahin "gelten für mich die Positionen des Ministeriums".
In Marseille wurde unterdessen auch über Schäubles eigene Zukunft spekuliert, nachdem er in Medienberichten als Favorit für den künftigen Chefposten der Eurogruppe gehandelt worden war. Darauf angesprochen zeigte er sich belustigt. Die Spekulationen seien "grund- und haltlos und ein bisschen zu viel der Ehre".
Zudem sei noch gar nicht entschieden, ob die Eurogruppe der Finanzminister in Zukunft noch einen eigenen Chef wie derzeit Juncker haben werde. Oder ob EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy die halbjährlichen Treffen der Euro-Regierungschefs und die Finanzministerräte leiten wird. Schäuble kündigte an, im Kreis der Euro-Finanzminister am Donnerstag und Freitag im polnischen Breslau mit seinem französischen Kollegen Francois Baroin einen gemeinsamen Vorschlag zur Führung der entstehenden Euro-Regierung vorzulegen.
Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, betrachtet den Rückzug Starks als Problem für die Glaubwürdigkeit der Euro-Hilfsgarantien. "Das ist schon der zweite Rücktritt eines deutschen Vertreters im EZB-Rat", sagte Krämer im dapd-Interview. "Das macht die EU-Hilfspolitik bei den deutschen Wählern noch unpopulärer und senkt die langfristige Glaubwürdigkeit der Garantien zugunsten der Peripherieländer."
dapd


3 Kommentare