Fünfeinhalb Monate nach der ersten Zeugenaussage zum Massaker von Srebrenica ist die Beweisaufnahme im Prozess gegen den früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic beendet worden. Heute sagte der letzte Zeuge zu dem Massaker vor dem UN-Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag aus. Gehört wurde der Überlebende, der zur Geheimhaltung seiner Identität als "Zeuge KDZ039" geführt wird. Anklägerin Kimberley West führte den Zeugen mit den Worten ein: "Der Zeuge überlebte die Massenhinrichtung im Juli 1995."
Der Zeuge berichtete davon, dass er Gefangener der bosnisch-serbischen Truppen unter dem Befehl von Armeechef Ratko Mladic war. Er sei zusammen mit rund 2000 anderen Muslimen in ein Lagerhaus gebracht worden, wo die Erschießungen begonnen hätten. Die Soldaten hätten "gelacht und gescherzt". Die Zeugenanhörungen zu dem Massaker von Srebrenica waren der vierte und letzten Teil der Beweisführung der Anklage zu den Vorwürfen gegen Karadzic. Bei dem als Völkermord eingestuften Massaker im Juli 1995 wurden rund 8000 Muslime verschleppt und getötet.
Er habe sich 24 Stunden lang unter Leichen versteckt, sagte der Zeuge, dessen Gesicht nicht zu erkennen war. Anklägerin West führte aus, dass es dem Zeugen schließlich zusammen mit einem weiteren Überlebenden gelungen sei, in ein nahes Feld zu fliehen. Auf die Frage Karadzics, ob er vor dem Krieg bosnische Serben gekannt habe, antwortete der Zeuge: "Ich habe viele von ihnen gekannt, wir waren gute Nachbarn. Hätte irgendjemand mir erzählt, das solche Dinge geschehen würden, ich hätten ihnen nicht geglaubt."
Karadzic muss sich vor dem Haager Tribunal wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnienkriegs (1992-1995) verantworten. Er weist alle Vorwürfe zurück. Der Prozess begann im Oktober 2009.
Bevor die Anklage Ende November vergangenen Jahres begann, die Vorwürfe zu Srebrenica darzulegen, hatte sie sich mit den Anklagepunkten zur Belagerung der Stadt Sarajevo mit 10.000 Toten, mutmaßlichen Verbrechen in mehreren bosnischen Gebieten und der Geiselnahme von mehr als 200 UN-Blauhelmsoldaten im Mai und Juni 1995 befasst. Zum Massaker in Srebrenica, dem schlimmsten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, wurden rund 60 Zeugen befragt.


