Ein neuer Test soll es bald Schwangeren leichter machen, bei ihrem Fötus Trisomie 21, das sogenannte „Down-Syndrom“, festzustellen. Binnen der ersten drei Monate können sich werdende Mütter dann – ohne die problematische Fruchtwasseruntersuchung – über den Zustand ihres Kindes informieren. Kritiker schlagen Alarm: Mit dem neuen Verfahren werde die Abtreibung salonfähig, die Selektion menschlichen Lebens vorangetrieben.
„Dieser Test ist nicht nur in hohem Maße diskriminierend, ich halte ihn auch für illegal“, kritisierte etwa der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete, griff er bei der Vorstellung eines Rechtsgutachtens das Verfahren scharf an. „Er dient weder medizinischen noch therapeutischen Zwecken, sondern einzig und allein der Selektion von Menschen mit Down-Syndrom.“ Der Test kritisiere Menschen mit dem Syndrom auf schlimmste Weise, so Hüppe weiter, nämlich in ihrem Recht auf Leben.
Diese Selektion ist allerdings auch heute schon möglich: Rund 30.000 Schwangere lassen in Deutschland jedes Jahr ihr Fruchtwasser untersuchen, weil sie Trisomie 21 bei ihrem Kind befürchten. Für mehr als neun von zehn Frauen ist das Down-Syndrom schon heute ein Abtreibungsgrund. Die Fruchtwasser-Untersuchung oder „Amniozentese“ ist jedoch nicht ungefährlich: Rund ein Prozent der Frauen erleben eine Fehlgeburt infolge des Eingriffs – schwankend je nachdem, wie erfahren der Arzt ist. Die Wahrscheinlichkeit, ein Kind mit dem Syndrom zu bekommen, ist gering: in Deutschland liegt sie bei etwa 0,2 Prozent, je nach Lebensalter der schwangeren Frau. Insgesamt leben rund 30.000 bis 50.000 Menschen hierzulande mit Trisomie 21.
Statt des problematischen Fruchtwassertests will die Firma Lifecodexx aus Konstanz nun mit dem „Praena-Test“ Frauen ein ungefährliches Verfahren anbieten, das nach Angaben des Unternehmens zu 98 Prozent sichere Ergebnisse liefert. Anstatt Fruchtwasser abzusaugen und damit möglicherweise Schäden anzurichten, handelt es sich bei dem Praenatest um einen schlichten Bluttest. Viele befürchten, dass die Hemmschwelle für angehende Mütter, sich vor der Geburt über den Zustand des Kindes zu informieren, aufgrund der Einfachheit des Verfahrens massiv sinken würde.
Bei dem Test wird das Blut der Frauen auf Spuren der Erbinformation des Kindes durchsucht. Liegt in der DNA des Fötus das Chromosom 21 drei Mal vor, ist dies ein Hinweis auf das Down-Syndrom. Die Firma Lifecodexx empfiehlt, den Test erst ab der 12. Schwangerschaftswoche einzusetzen, laut dem Onlineportal „evangelisch.de“ wird er aber bereits ab der zehnten Schwangerschaftswoche einsetzbar sein. Dies ist einer der Knackpunkte für viele Kritiker – wenn die Eltern früh wissen, dass ihr Kind mit Trisomie 21 zur Welt kommt, so die Befürchtung, entscheiden sie sich eher für einen Abbruch.
Wie der "Spiegel“ berichtet, wurde der Test in Zusammenarbeit mit vier großen deutschen Pränatalzentren entwickelt, und dies mit finanzieller Unterstützung der Bundesregierung. Rund 230.000 Euro hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung in die Testreihe mit rund fünfhundert schwangeren Frauen investiert. Das stößt auf auf scharfe Kritik.
Auf eine Anfrage des „Bayerischen Rundfunk“ zu den Forschungsgeldern verweist das Ministerium schriftlich auf das Selbstbestimmungsrecht der Frauen: „Ob werdende Eltern die (…) gesetzlich zugelassenen medizinischen Verfahren anwenden (…) entzieht sich dem staatlichen Zugriff.“ Abtreibung oder nicht? Der Ball für diese schwierige ethische Frage läge damit wieder allein bei den Eltern. Die bayerische Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU), die sich für geistig behinderte Menschen einsetzt, weist hingegen auf die Pflicht des Ministeriums hin, derartige Prozesse zu begleiten. So sagte sie dem Sender: „Ich kann nicht auf der einen Seite solche Entwicklungen in der Forschung finanziell unterstützen, und dann die Menschen damit alleine lassen.“
Andere Krankheiten lassen sich mit dem Test allerdings nicht vorab entdecken. Er wird zudem mit einen Preis von 1200 Euro relativ teuer und nicht von den Kassen übernommen. Die Firma räumt ein, dass das Verfahren noch nicht perfekt ist – es dauert je nach Labor bis zu zehn Tage und in kritischen Fällen müsste nach wie vor Fruchtwasser abgesaugt werden. Noch. Mit der Zeit werden medizinische Verfahren verbessert. Oft landen sie dann in den Katalogen der Krankenkassen – es gibt die Befürchtungen, dass der Test dann zum Routineverfahren wird.
Dennoch gibt es auch positive Stimmen zu dem neuen Verfahren. Denn klar ist: Frauen, die ein Kind mit Down-Syndrom erwarten, lassen sich bereits heute untersuchen, und wenn das Syndrom erkannt wird, lässt ein Großteil abbrechen. Die Frage ist also, ob der Test die Zahl der Abbrüche überhaupt merklich erhöhen würde. „Wir sind mit den neuen Möglichkeiten zufrieden“, sagte daher auch Christian
Albring vom Berufsverband der Frauenärzte (BVF) dem „Spiegel“. Gesetzlich sind den Schwangerschaftsabbrüchen freilich Grenzen gesetzt – denn frühe, vorgeburtliche Untersuchungen unterliegen den Regelungen des Gendiagnostikgesetzes. Hier gilt ein Arztvorbehalt – das heißt, dass in kritischen Fällen ein Mediziner über diesen Schritt mitreden und die werdene Mutter entsprechend beraten muss.
Bei allen Einflussnahmen bleibt die Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch aber letztlich den Eltern, und insbesondere der Mutter überlassen. Und kein Test oder Arzt der Welt wird ihnen diese schwere Bürde abnehmen können.
Down-Syndrom: Empörung über neuen Früherkennungstest
Von Yahoo! Nachrichten | Reingezoomt – Do., 5. Jul 2012Werden Sie ein Fan von Yahoo! Nachrichten auf Facebook
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