Kommentar
Im Eiltempo wollte Angela Merkel die Suche nach einem neuen Bundespräsidenten durchpeitschen — und wurde am Ende selbst beinahe von den Ereignissen überrollt. In buchstäblich letzter Minute beugte sie sich dem Willen von FDP, SPD und Grünen und akzeptierte die Nominierung von Joachim Gauck. Die Kehrtwende muss ihr unfassbar schwer gefallen sein, doch sie war die richtige Entscheidung. Gauck wird ein unbequemer, streitbarer Bundespräsident sein — und ist gerade deshalb eine gute Wahl.
Dürften noch so manches Mal aneinandergeraten: Angela Merkel und Joachim Gauck (Bild: dpa)
Wie präsentiert man einen Mann als Wunschkandidaten, den die eigene Parteispitze wenige Stunden zuvor entschieden abgelehnt hat? Merkel gelang dieses Kunststück erstaunlich gut am Sonntagabend: „Das zentrale Thema des öffentlichen Wirkens von Joachim Gauck ist die Idee der Freiheit in Verantwortung", lobte sie den designierten Bundespräsidenten, und fuhr fort: „Das ist es auch, was mich ganz persönlich - bei aller Verschiedenheit - mit Joachim Gauck verbindet." Worte, die preisen — und doch gleichzeitig Distanz ausdrücken. Merkel ringt rhetorisch um die eigene Glaubwürdigkeit.
Denn ungetrübte Harmonie zu heucheln wäre auch unangebracht gewesen an diesem dramatischen Sonntagabend. Schließlich war Merkels schwarz-gelbe Regierungskoalition kurz davor in die tiefste Krise seit ihrem Bestehen gerutscht — beinahe wäre sie an der Bundespräsidentenfrage zerbrochen. Merkel und die Unionsspitze hatten Gauck strikt ablehnen wollen. Doch gerade in der heißesten Phase der Kandidatensuche zeigte FDP-Chef Philipp Rösler eine Eigenschaft, die ihm kaum jemand zugetraut hatte: Durchsetzungsvermögen. Er bestand auf Gauck. Merkel blieben nun nur noch zwei Möglichkeiten: Die Koalition zerbrechen lassen — oder Gauck akzeptieren. Sie entschied sich für die richtige Option.
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Warum Merkel und die Union sich so lange gegen Gauck wehrten? Das hat vermutlich mehrere Gründe. Zu eingeschränkt sei ihnen das Themenspektrum Gaucks, war am Sonntag zu hören. Doch die ganze Wahrheit ist das mit Sicherheit nicht. Freilich hatte die Union auch Angst vor einem erheblichen Gesichtsverlust. Sie war es schließlich, die 2010 ihren Kandidaten Wulff gegen Gauck durchsetzte. Gaucks Nominierung kommt nun einem Schuldeingeständnis gleich, damals aufs falsche Pferd gesetzt zu haben. Außerdem dürfte Merkel klar sein: Gauck wird ein äußerst unangenehmer Bundespräsident für sie. Einer, der sich einmischen wird bei zentralen Themen wie Eurokrise oder Integration. Einer, der sich durchaus auch mit Merkel anlegen dürfte.
Insofern darf man der Kanzlerin eine gewisse Größe, oder doch zumindest gesunden Pragmatismus attestieren - dafür, dass sie über ihren Schatten gesprungen ist und sogar eine massive persönliche Niederlage in Kauf nahm. Denn Gauck ist nach dem Debakel um Christian Wulff eine gute Wahl — gerade weil er glaubhaft für Unabhängigkeit und freies Denken steht. Er gehört keiner Partei an und hat mit allen politischen Fraktionen Berührungs-, aber auch Streitpunkte. Er hat im Lauf seines Lebens - während seiner Zeit in der DDR-Opposition und als Gründer der Stasi-Akten-Behörde - gezeigt, dass er sich nicht verbiegen lässt. Seine leidenschaftliche Liebe zur Demokratie wird von niemandem infrage gestellt.
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Freilich: Gaucks Thesen und Ansichten werden nicht jedem gefallen. In der Vergangenheit sorgte er schon für manche Irritation, ja für verständliche Empörung — als er die Occupy-Proteste als albern abtat oder als er Thilo Sarrazin für dessen umstrittenes Buch „Deutschland schafft sich ab" Mut attestierte. Aber dennoch wird Gauck von einer breiten Mehrheit der Deutschen respektiert — auch bei SPD und Grünen. Und das ist vielleicht die wichtigste Voraussetzung für das Amt.
Gauck wird nun auch an sich arbeiten müssen. Er wird zeigen müssen, ob es ihm künftig gelingen kann, für alle Deutschen zu sprechen. Ob er klare Worte finden kann, die den Menschen Mut, Trost und neue Denkanstöße geben — ohne zugleich Teile der Bevölkerung vor den Kopf zu stoßen. Vor ihm steht eine unglaublich schwere Aufgabe. Denn die Erwartungen an ihn sind, gerade nach der Affäre Wulff, höher denn je.
