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    Peinliches Patriotismusdiktat: Unionspolitiker fordern Hymnen-Singpflicht für deutsche Elf

    Ginge es nach einigen Unionspolitikern, sollten sie lieber mal Singen üben: Unsere Elf. (Bild: AFP)Kommentar

    Nach der Niederlage gegen Italien im EM-Halbfinale wird gegen die Spieler der deutschen Nationalelf jetzt nachgetreten: Weil einige Teammitglieder vor den Spielen die Hymne nicht mitsingen, seien sie "schlechte Botschafter unseres Landes", lautet das Urteil einiger Unionspolitiker. Im Chor mit der Bild-Zeitung fordern sie deshalb eine "Singpflicht". Die Argumente dafür überzeugen allerdings nicht besonders.


    Endlich ereilt die erneute Patriotismusdebatte unsere Nationalelf. Erst kürzlich fragte sich das deutsche Polittalkfernsehen, ob man als Deutscher Fähnchen schwenken darf oder ob man dann "Nazi" ist. Und nun das: Einige Unionspolitiker haben wutschnaubend festgestellt, dass einige Fußballspieler, unter anderem Mesut Özil und Lukas Podolski, nicht die Nationalhymne mitsingen und fordern eine „Singpflicht“. „Es sollte zum guten Ton gehören, dass die Spieler die Hymne mitsingen. Sie spielen schließlich für die deutsche Nationalmannschaft und nicht für sich selbst“, ereiferte sich etwa Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) in der Bild-Zeitung.

    Auch Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann stimmte mit ein: „(Es) sollte für jeden Nationalspieler selbstverständlich sein, die Hymne mitzusingen – weil sie Botschafter unseres Landes sind!“ Die Leser des Boulevardblattes stimmten sofort zu: Fast 80 Prozent forderten eine „Singpflicht“.

    Erst unterstellt man mangelnden Patriotismus, dann führt man einen „Zwang“ ein – wollen wir diese Botschaft tatsächlich vermitteln?

    Die Gründe für das Schweigen der Spieler vor dem Spiel können höchst unterschiedlicher Natur sein – der eine besinnt sich in diesem bewegenden Moment lieber und lässt sich von dem Gesang der anderen inspirieren, ein anderer möchte sich wegen seiner Brummstimme lieber nicht im Internet von einer feixenden Meute zerreißen lassen. Der Dritte ist vielleicht tatsächlich kein glühender Patriot und entscheidet sich daher dagegen, mit zu schmettern. Ja – auch dies ist in einer freiheitlichen Demokratie erlaubt. Denn politische Bekenntnisse dieser Art sind privat: Unsere Fußballspieler sind keine Soldaten.

    Die Spieler der deutschen Nationalelf trainieren hart und leisten auf dem Platz Außergewöhnliches. Das ist ein starkes Bekenntnis zu Deutschland. Auf dem Platz spielen sie fair und professionell. Sie meckern nicht herum wie etwa das brasilianische Frauenteam während der Meisterschaft im vergangenen Jahr. Das darf man von Botschaftern unseres Lands erwarten. Dass Franz Beckenbauer vor der WM 1990 eine Singpflicht einführte, was seiner Meinung nach zum Sieg in dem Turnier führte: Geschenkt. Da dürften noch andere Faktoren mitgespielt haben.

    Man stelle sich nur die Botschaft vor: Die deutschen Spieler schmettern die Nationalhymne vor einem Länderspiel, aber alle Welt weiß, dass es nur aus Zwang ist. Das erwartet man von Ländern wie Weißrussland oder Nordkorea, aber von der Mannschaft einer Demokratie? Peinlich! Suchte man einen Beweis, dass unser Land ein Problem mit der eigenen Identität hat, das wäre er. Also vielen Dank, Medien und Politik, für die erneute Patriotismusdebatte, auch wenn so mancher Bild-Leser es vielleicht nicht vermuten lässt, die meisten Fans sind weiter als Ihr.

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