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    Peer Steinbrück im Kanzlertest

    Nach monatelangen Spekulationen ist die "K-Frage" bei der SPD entschieden.  Ex-Finanzminister Peer Steinbrück wird Herausforderer von Kanzlerin Angela Merkel. Aber hat er wirklich eine Chance, sie vom Thron zu stoßen? Und kann er überhaupt Kanzler? Wir haben den Ökonomen aus dem hohen Norden einmal genau unter die Lupe genommen. Peer Steinbrück im großen Kanzlertest.

    Ex-Finanzminister Peer Steinbrück führt die Sozialdemokraten in die Bundestagswahl 2013. (Bild: AFP)

    Überraschend früh lüfteten die Sozialdemokraten am Freitag das Geheimnis um die „K-Frage": Der als NRW-Ministerpräsident und als Bundesfinanzminister abgewählte Sozialdemokrat Peer Steinbrück will es wissen - und bei der Bundestagswahl im Herbst 2013 Angela Merkels Amtszeit beenden.

    Die Reaktionen der anderen Parteien auf diesen Paukenschlag der Sozialdemokraten reichten von Spott und Ablehnung bis hin zu Euphorie: Der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, Michael Grosse-Brömer, twitterte: "Gabriel kann nicht, Steinmeier will nicht - da blieb nur einer übrig", während Sahra Wagenknecht von der Linken von einem „Offenbarungseid" der SPD sprach. "Er ist das Eingeständnis, dass sie weiterhin für schlechte Renten, niedrige Löhne und lasche Bankenregulierung steht", so die stellvertretende Parteivorsitzende.

    Die Grünen-Parteichefin Claudia Roth freut sich hingegen, endlich mit „unserem gemeinsamen Angriff auf Schwarz-Gelb" zu starten. Und auch der FDP-Fraktionschef im schleswig-holsteinischen Landtag, Wolfgang Kubicki, zeigte sich zuversichtlich, sei doch Steinbrück derjenige, „mit dem die Liberalen am ehesten reden können".

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    Auch in Steinbrücks eigener Partei variieren die Meinungen über die Kanzlerambitionen des Hanseaten von Zustimmung bis Ablehnung - besonders beim linken SPD-Flügel ist Steinbrück aufgrund seiner angeblich zu konservativen Positionen umstritten.

    Die Entscheidung für ihn als Kanzlerkandidaten ist dabei nachvollziehbar - denn es gibt Einiges, das ihn als Bewerber fürs Kanzleramt qualifiziert:


    Steinbrück kann mit seinem Fachwissen in der Eurokrise punkten, die eine der wichtigsten Themen im Bundestagswahlkampf werden könnte. Als ehemaliger Finanzminister bewies der gebürtige Hamburger - der als Schüler übrigens ausgerechnet in Mathe Schwierigkeiten hatte -  in Zeiten der Eurokrise unzweifelhaft ökonomische Kompetenzen, auch wenn er sich den Vorwurf gefallen lassen muss, bei der Finanzkrise 2008 zu lange darauf beharrt zu haben, dass das deutsche Bankensystem keine Rettung benötige - der spätere Notfall der Hypo Real Estate belehrte ihn schließlich eines Besseren. Später sagte Steinbrück über diese Zeit: "Ich habe in den Abgrund geblickt". Allerdings war er nicht der einzige deutsche Politiker, der das damals getan hat - Glanzleistungen kann man sicher niemanden bescheinigen.

    Ein weiterer Pluspunkt: Für die Finanzbranche hat der studierte Volkswirtschaftler konkrete Pläne - auch das ist für eine Kanzlerkandidatur in Zeiten der aktuellen Krisenszenarien unabdingbar. Erst diese Woche legte Steinbrück ein 30 Seiten langes Konzept zur „Bändigung der Finanzmärkte" vor, in dem er eine Aufspaltung der Großbanken und die Begrenzung von Managergehältern vorschlägt.

    Mit dem Bankenpapier samt geplanten Steuererhöhungen von Besserverdienenden hat der 65-Jährige wiederum einiges bei der Parteilinken gut gemacht - immerhin ein guter Anfang, um die Herausforderung  zu meistern, die jedem Kanzlerkandidaten obliegt: Hinter sich vereinen statt zu spalten.

    Gleichzeitig bescheinigt ihm das Papier eine weitere wichtige Voraussetzung für Kanzlerkandidaten: Er ist hochmotiviert, Kanzler zu werden. Das ist gerade in Zeiten, in denen sich viele Deutsche angesichts der jüngsten Welle von Rücktritten diverser Spitzenpolitiker enttäuscht von der Politik abwenden, ein wichtiges Zeichen für die Bürger. Zudem ist sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein zweifellos eine gute Voraussetzung, um der bei den Deutschen beliebten Angela Merkel im Kampf um die Kanzlerschaft auf Augenhöhe zu begegnen.

    Mit seiner schlagfertigen Art und seiner „klaren Kante" hebt er sich zudem deutlich von dem blassen Frank-Walter Steinmeier ab, der als Zögerer gilt und 2009 als Herausforderer Merkels klar gescheitert war. Auch Sigmar Gabriel wurden keinerlei Chancen gegen Merkel eingeräumt - somit blieb eigentlich ohnehin nur Steinbrück als chancenreicher SPD-Kandidat übrig, die K-Frage hatte sich quasi schon von selbst beantwortet.

    Doch trotz aller Pluspunkte - Steinbrück hat auch unübersehbare Schwächen, die ihm den Wahlkampf sehr erschweren könnten:

    So wichtig seine Kompetenzen im Bereich von Finanzfragen für Deutschland sind, muss Steinbrück als Kanzler doch deutlich mehr können - das fängt schon in der eigenen Partei ein. Wird er es schaffen, die unterschiedlichen Strömungen in seiner Partei langfristig hinter sich zu versammeln? Der Politologe Volker Kronenberg äußert sich dazu skeptisch. Seiner Ansicht nach führe Steinbrücks Distanz zum linken Parteiflügel dazu, "dass Teile der SPD mit diesem Kandidaten fremdeln", so Kronenberg gegenüber der dpa.

    Außerdem muss der Verlierer der NRW-Landtagswahl von 2005, von dem in diesem Jahr gleich drei Biografien erschienen sind, potenziellen Wählern einige Widersprüche erläutern. So warb er 2002 als NRW-Ministerpräsident noch für eine Absenkung der Steuersätze und bezeichnete die Rentengarantie der großen Koalition als Sündenfall - während er nun höhere Steuern für Spitzenverdiener propagiert und ein Rentenkonzept unterstützt, das ziemlich sicher die Aufweichung der Rente mit 67 zur Folge haben wird.

    Schließlich könnte ihm gerade sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und loses Mundwerk zum Verhängnis werden. Steinbrück neigt zu Übertreibungen und verbalen Rundumschlägen. Banken beschimpft er als „Zockerbuden", seine Parteikollegen als „Heulsusen", der Schweiz drohte er beim Thema Steuerhinterziehung flapsig mit der "Kavallerie". Diese direkte, teils freche Art könnte Steinbrück als Kanzlerkandidat und Kanzler das Leben schwer machen - gilt es in dieser Position doch, den diplomatischen Ton zu treffen.

    Einfach wird es für Steinbrück ohnehin nicht. Merkels Zustimmungswerte sind nach wie vor bombastisch. 53 Prozent der Wahlberechtigten wären laut ZDF-Politbarometer für die derzeitige Kanzlerin - die Umfrage wurde jedoch noch vor den Entwicklungen in der SPD-Kandidatenfrage vom Freitag erstellt. Gerade nach den Affären der jüngsten Vergangenheit - Stichwort Christian Wulff - wissen viele Menschen zu schätzen, dass sich Merkel bislang weder gegen Vorwürfe des Amtsmissbrauchs, noch jedweder Form der unlauteren Selbstbereicherung zur Wehr setzen musste. Merkel wirkt vielmehr schlicht und bescheiden - das kommt beim Volk gut an.

    Steinbrücks Weste strahlt im Vergleich zu ihrer schon nicht mehr ganz so weiß. Derzeit muss er sich gegen Vorwürfe wehren, unerlaubt Sponsorenwerbung betrieben zu haben. Das Magazin "Focus" hatte berichtet, Steinbrück habe in seiner Zeit als Bundesfinanzminister die Post und die Telekom um Sponsorengelder für ein Schachturnier gebeten - mit dem offiziellen Briefkopf.  Auch die Tatsache, dass er der Bundestagsabgeordnete mit den höchsten Nebeneinkünften ist - laut Nachrichtenagentur dpa verdiente er in der laufenden Wahlperiode rund 600.000 Euro und lässt sich vor allem seine Vorträge fürstlich entlohnen - macht ihm beim gemeinen Wählervolk sicher nicht gerade sympathisch.

    Eines ist immerhin jetzt schon sicher: Der Kampf um die Kanzlerschaft wird alles andere als langweilig werden.

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