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    Der gläserne Leser: Was das E-Book über Sie verrät

    Der gläserne Leser: Was das E-Book über Sie verrät (Bild: ddp images)Der gläserne Leser: Was das E-Book über Sie verrät (Bild: ddp images)Millionen von E-Books liefern Daten, soweit das Händler- und Verlegerauge reicht: Endlich weiß man nun, wie der Leser tickt. Während der Literaturbetrieb bei den klassischen Papierbüchern in erster Linie lediglich auf die Verkaufszahlen und Buchbesprechungen im Feuilleton schielte,  haben die Marketingexperten bei der digitalen Schwester ordentlich nachgelegt. Wie schnell der Leser sein E-Book liest, wann er es weglegt oder welche Titel ihn noch so interessieren, das sind nur einige der Informationen, die hier ausgewertet werden. Welche Konsequenzen das auf die Bücherwelt haben wird, darüber streiten die Experten.

    Marketingtechnisch ist der Buchhandel ziemlich eingestaubt und hinkt den moderneren Medien ganz schön hinterher. In der TV-Branche ist es etwa schon längst üblich, Konzepte an Testgruppen auszuprobieren. Oder die Zuschauerentwicklung im Laufe einer Fernsehsendung zu scannen: Wer hat wann ein- und ausgeschaltet? Das alles ist den Fernseh-Werbeexperten schon seit Jahren oft schon bereits im Vorfeld eines neuen TV-Formats bekannt.

    Das Literatur-Business jedoch begnügte sich lange Zeit mit den Verkaufszahlen und Rezensionen. Detaillierte Leseranalyse? Nö. Die „Postmortem"-Kriterien mussten reichen — bis — ja, bis das E-Book geboren wurde! Heimlich, still und leise spionieren seitdem die Hersteller das Schmökerverhalten ihrer Kunden aus. Wie lange brauchen die Leser durchschnittlich für ein bestimmtes Buch? Wie oft haben sie ein Buch „angebrochen" und dann zur Seite gelegt? Doch damit nicht genug. Die Markierfunktion, die zum Beispiel das „Amazon Kindle" liefert, verrät sogar favorisierte Passagen.

    Seitdem weiß man zum Beispiel: Der durchschnittliche Leser brauchte für das letzte Buch der „The Hunger Games"-Trilogie (auf Deutsch: Die Tribute von Panem) von Suzanne Collins nur etwa 7 Stunden — macht circa 57 Seiten pro Stunde. Und: Für gewöhnlich hat er das zweite Buch bereits vor dem Auslesen des ersten Buches heruntergeladen. Ein ziemlich eifriger wie beständiger Leser also, der Collins-Fan.

    Die bedeutendsten Größen des elektronischen Buchmarktes, Amazon, Apple und Google, können außerdem nachverfolgen, welche Suchwörter Kunden mit Büchern verbinden. Daten über Daten sind damit verfügbar — kurzum: Die Informationsflut müsste den Marketingexperten der E-Books eine wahre Wonne bescheren! Trotzdem ist die tatsächliche Menge der Informationen, die bisher evaluiert wurde, vergleichsweise gering. Erste Auswertungen des US-amerikanischen Anbieters „Barnes & Noble" ergaben: Romane werden meist in einem Zug durchgelesen. Sachbücher werden häufiger unterbrochen und/oder ganz zur Seite gelegt. Science Fiction-, Romantik- und Krimi- Fans lesen mehr, schneller und beenden die Bücher, die sie anfangen, in der Regel auch erst mit der letzten Seite. Leser klassischer Literatur, so fand man heraus, wechselten besonders häufig die Bücher, in denen sie schmökerten.

    Die Motivation hinter der detaillierten Auswerterei? Händler und Verleger möchten die Informationen unter anderem nutzen, um sozusagen „ideale" Bücher zu erschaffen. Sie sollen so geschrieben sein, dass die Aufmerksamkeit des Lesers zu keinem Zeitpunkt absinkt. Bereits bestehende Literatur könnte an den damit „enttarnten" langweiligen Stellen mit einem Video, einem Web-Link oder anderen Multimedia Features aufgewertet werden.

    Zugegebenermaßen: Die Möglichkeiten, die sich da eröffnen, sind ziemlich vielfältig. Aber ist diese Entwicklung nun positiv oder negativ? Kritiker befürchten, dass Schriftsteller fortan kein kreatives Risiko mehr eingehen möchten und sich lieber an marketingbewährten Konzepten für ihre Texte orientieren. Auf der anderen Seite begrüßen einige Autoren jedoch, endlich mehr über die Käufer und deren Interessen und Leseverhalten zu wissen.

    So ganz einfach ist die Frage nach den möglichen Konsequenzen also nicht zu beantworten. Datenschützer sorgen sich — natürlich — um die Privatsphäre des Lesers. Aber: Wer denkt, dass die Händler sich in einer rechtlichen Grauzone befinden, der irrt. Der Informationsfluss ist legal und wird allein durch die umfangreichen Nutzungsbedingungen ermöglicht. Usern bleibt nichts anderes übrig, als diesen beim Kauf ihres E-Books zuzustimmen. Einzige Alternative, um zumindest dieser Marketing-Spionage zu entkommen: Sich wieder komplett auf die guten, alten Papierschinken zu beschränken.