Bangalore: Wegen der Falschmeldung flüchteten viele Inder zum Bahnhof (Bild: AFP)Eine per SMS und Internet mutwillig verbreitete Falschmeldung löste Mitte August in Indien eine Massenflucht aus. Zehntausende Inder packten nur das Nötigste aus Angst vor einem terroristischen Angriff. Die Falschmeldung verunsichert die betroffene Bevölkerung bis heute. Wie konnte das passieren?
Die Vorgeschichte: Es ist Juli 2012 — Im Nord-Osten Indiens kommt es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen muslimischen Siedlern und dem Volk der Bodo. Ein paar Wochen später, protestieren zehntausende Muslime in Mumbai gegen Gewalt in der Assam Region, dabei kommen zwei Menschen ums Leben — die Stimmung ist aufgeheizt.
Wie ein Lauffeuer verbreiten sich um den 19. August die Rachegerüchte: „Nach Ramadan ist es so weit: die Muslime greifen an". Nord-Ost Inder aus allen Teilen des Landes werden per MMS und SMS aufgefordert, dorthin zu flüchten wo sie herkommen: in die Provinz Assam. Auf Social Media Diensten wie Twitter, Facebook und Co. wird ebenfalls gewarnt — vor einer Gefahr, die nicht besteht, doch das ahnen die Betroffenen nicht.
Nach dem Bekanntwerden der Drohung, fürchten die Nord-Ost Inder um ihr Leben und strömen in Massen zu den Bahnhöfen. Besonders tragisch: Dort war der Andrang so groß, dass Menschen sich gegenseitig tottrampelten.
Regelrechter Cyber-Terrorismus also, der nicht nur verschreckt, sondern auch Todesopfer fordert. Die indische Polizei reagiert, indem sie die Möglichkeiten zum Versand von Massen-SMS für die Öffentlichkeit stark einschränkte. selbst aber in Massen-SMS versuchte, die Bevölkerung zu beruhigen.
Soweit die Geschehnisse. Woher die Falschmeldungen stammten ist noch immer nicht eindeutig geklärt. Die „Indian Times" verdächtigt Pakistan — den Erzfeind des Landes. Facebook und YouTube bestätigten, dass Inhalte auf den sozialen Netzwerken aus dem indischen Nachbarland stammen. Pakistan streitet alles ab.
So eine Cyber-Massenpanik wie in Indien ist kein neues Phänomen: Erst im Dezember 2011 machte in Lettland das Gerücht per Twitter die Runde, die „Swedbank" hätte massive Liquiditätsprobleme. Das lettische Geldinstitut ist das größte des Landes und gilt als bestens abgesichert - dennoch: Insgesamt 14 Millionen Euro hoben die in Panik geratenen Letten innerhalb kürzester Zeit von ihren Konten ab und standen dafür auch noch stundenlang Schlange.
Einen schlechten Scherz erlaubte sich auch ein mexikanischer Lehrer aus der Stadt Veracruz im August letzten Jahres. Er twitterte: "Meine Schwägerin hat mich gerade verstört angerufen, sie haben fünf Kinder aus der Schule entführt". Eine Radiomoderatorin streute die Nachricht über Twitter und plötzlich begaben sich massenweise Eltern in Panik auf die Suche nach ihren Kindern. Eine ungeahnte Folge des Streichs: Stolze 26 Autounfälle, weil Eltern, die hinterm Steuer von der Entführung gehört hatten, überstürzt und panisch reagiert hatten.
Welche Voraussetzungen begünstigen solch ein bewusstes Herbeiführen einer Massenpanik? Neben der schnellen Nachrichtenverbreitung in einem flächendeckenden Internet- und Handynetz scheinen vorhandene Ängste eine wichtige Rolle zu spielen. Der Assam-Konflikt sorgt bereits seit vielen Jahren für Spannungen in Indien. Ein Versorgungsnotstand mit öffentlichen Nachrichten und unabhängigen Medienmeldungen begünstigte die Panikmache in der Region zusätzlich. In der mexikanischen Stadt Veracruz überschatteten Bandenkriege seit Jahren den Alltag der Bevölkerung. Und in Lettland — da haben Bankenkrisen eine traurige Tradition.
