Neue Twitter-Studie: Sind Sie ein Psychopath? (Bild: dpa)
Manchmal sind Worte das Fenster zur Seele. Sie können Aufschluss über gedankliche Abläufe und Charaktereigenschaften geben und darauf hinweisen, wenn diese in eine falsche, vielleicht sogar gefährliche Richtung laufen. Eine interdisziplinäre Expertengruppe hat herausgefunden, dass sich selbst aus Tweets, die per se aus lediglich 140 Zeichen bestehen, Wesenszüge und psychische Störungen ableiten lassen. Zu einem Frühwarnsystem für Verbrechen werden soziale Netzwerke dadurch aber nicht.
Computerexperten der Florida Atlantic University, die Internet-Verbraucherschutz-Organisation Online Privacy Foundation und die Statistik-Plattform Kaggle haben sich zusammengetan, um zu erforschen, ob man Wesenszüge wie Narzissmus, Machiavellische Intelligenz (ob man sich in einer Gruppe etwa mittels sozialer Manipulation durchsetzt) oder Psychopathie aus Twitter-Posts ableiten kann. Diese Wesenszüge sind als die Dunkle Triade bekannt. Sie gelten als kalt und selbstbezogen. Die Forschergruppe fand heraus, dass man sie mit einem „einigermaßen hohen Grad an Exaktheit" voraussagen kann.
Das Interesse der Forscher kam durch eine Veröffentlichung der amerikanischen Cornell University zustande. Darin wurden die Sprachmuster von Verbrechern bei der Beschreibung ihrer Taten untersucht. Die Studie hatte herausgefunden, dass Psychopathen häufig Konjunktionen wie „weil", „da" oder „so dass" verwenden. Sie benutzen außerdem doppelt so viele Worte, um physische Bedürfnisse wie Essen, Sex oder Geld zu beschreiben, während sich Nicht-Psychopathen ausführlicher über soziale Bedürfnisse wie Familie und Spiritualität auslassen. Außerdem benutzten die Kriminellen häufiger die Vergangenheitsform und sprachen weniger flüssig. Oft sagten sie „äh" und „hm".
Um die Erkenntnisse auf Twitter-User anzuwenden, lud Kaggle Datenspezialisten ein, die Modelle zur Analyse von Twitter-Feeds entwickeln sollten. Das Unternehmen veranstaltet Wettbewerbe für statistische Voraussagen. 113 Teams entwickelten 1071 Modelle, um psychopathische Züge aus Tweets abzuleiten.
Jedes der Modelle analysierte mehr als drei Millionen Feeds von 2.927 Usern aus 80 Ländern. Sie nahmen das Profil, die Anzahl der Tweets, Re-Tweets und Antworten, die Reichweite und die verwendeten Worte unter die Lupe. Mit diesen Indikatoren kreierten sie ein Auswertungssystem für psychopathische Eigenschaften nach einer von Professor Delroy L. Paulhus von der University of British Columbia entwickelten Checkliste. Parallel wurden die User gebeten, sich einem Persönlichkeitstest zu unterziehen. Dieser Test bewertete auf einer Skala von 1 bis 5 acht verschiedene Charaktereigenschaften, von denen einer die „Dunkle Triade" darstellte. Von den 2.927 untersuchten Menschen wiesen 41 psychopathische Wesenszüge im Sinne der „Dunklen Triade" auf.
Die Ergebnisse zeigen, dass es „eine Anzahl statistisch relevanter Korrelationen gibt zwischen dunklen Persönlichkeitsmerkmalen und der Twitter-Aktiviät", so Randall Wald von der Florida Atlantic University. Auch Zusammenhänge zwischen der Haltung des Users zu seiner Privatsphäre, seinem Verhalten auf Twitter und seinen Persönlichkeitszügen sei ableitbar.
Die Wissenschaftler vermuten zwar, dass ihr Analyseinstrument mögliche Unruhestifter herausfiltern könnte, zum Beispiel im Vorfeld rechtsextremer Demonstrationen. Trotzdem haben sie selbst Vorbehalte gegen ihre Methode was die ethische Grundlage, die Privatsphäre und Menschenrechte betrifft. Sie warnen davor, sie bei der Früherkennung von Verbrechern einzusetzen. Es könne sein, dass man Menschen zu Unrecht verdächtige.
Chris Sumner von der Online Privacy Foundation erläuterte im Business-Portal „Forbes.com": „Nur weil jemand viele Punkte auf der Psychopathen-Skala erreicht, muss er noch lange kein Verbrechen begehen. Wenn man diese Methode benutzt, um jemanden zu finden, der ein Verbrechen begehen wird, dann wird das darin gipfeln, dass man Unschuldige beobachtet. Aber prinzipiell ist es interessant. Man kann sich eine große Gruppe Menschen ansehen und sich fragen: Werden wir generell immer antisozialer?"
