Werden wir alle zu Analphabeten? (Bild: thinkstock)
Dank moderner Rechtschreibprogramme sind viele Menschen nicht mehr in der Lage, richtig zu schreiben, glauben britische Wissenschaftler. „Generation Autokorrektur" nennen sie Jugendliche und Erwachsene, die sich auf digitale Rechtschreibprogramme verlassen. Macht uns die Computertechnik zu Analphabeten? Eine Schweizer Forscherin gibt Entwarnung.
Rote und grüne Wellen begleiten uns durch den Alltag am Computer. Sie markieren Tippfehler und falsche Grammatik-Konstellationen und liefern per Mausklick oft die richtige Schreibweise. Einige korrigieren das falsche Wort gleich von selbst oder schlagen wie im Fall von Internetsuchmaschinen freundlich vor „Meinten Sie…?". Nicht nur in Textverarbeitungsprogrammen wie Word, sondern auch in Online-Formularen sind die Helfer aktiv. Britische Forscher haben nun im Auftrag der britischen Charity Organisation Mencap die Rechtschreibleistung von Erwachsenen untersucht. Mencap unterstützt Erwachsene, die Lernschwierigkeiten haben, und veranstaltet regelmäßig einen „Spellathlon", also einen Buchstabierwettbewerb.
Britische Forscher: Die „Generation Autokorrektur" verlernt die Rechtschreibung
Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass viele ihrer britischen Landsleute durch die Rechtschreibkontrolle das richtige Schreiben verlernen. Sie befragten 2.000 Probanden. Überraschend war, dass viele ihre Schreibkompetenz völlig überschätzten. Obwohl sie nicht in der Lage waren, Wörter wie „necessary", zu Deutsch „notwendig", richtig zu buchstabieren, hielten sie ihre Rechtschreibung für gut. 96 Prozent erachteten eine korrekte Orthographie jedoch als wichtig. „Generation Autokorrektur" nennen die Forscher Erwachsene, die nur noch mit Hilfe der digitalen Schreibunterstützung korrekt schreiben können.
Schweizer Forscherin: Autokorrektur lediglich Entscheidungshilfe
Die Schweizer Forscherin Mirjam Weder von der Fachhochschule Nordwestschweiz beschäftigt sich ebenfalls mit der Schreibkompetenz von Erwachsenen. Sie findet den Rückschluss, dass die Autokorrektur schuld an schlechter Rechtschreibung sei, gewagt. Denn für einen solchen Vergleich fehlen ihrer Meinung nach Daten darüber, wie fit die Menschen vor der Einführung von Rechtschreibprogrammen in Sachen Orthographie waren. Ihre Studie mit Erwachsenen fasst die Sprachwissenschaftlerin wie folgt zusammen: „Meistens sind es zwei Schreibungen, die innerhalb der deutschen Orthographie durchaus erwartbar sind. Schreibt man nun zum Beispiel ‚Immobilien' oder ‚Imobilien'?", erläutert Mirjam Weder. Die meisten Befragten verließen sich in diesem Fall auf ihr Sprachgefühl. Die zweitgrößte Gruppe kontrolliere die Schreibweise über die Autokorrektur.
Rechtschreibprogramme ersetzen keine Orthographie-Kenntnisse
Das Rechtschreibprogramm kann aber nur sinnvoll eingesetzt werden, wenn die benutzte Schreibweise zumindest annähernd korrekt sei. „Auch die beste automatische Rechtschreibkorrektur versagt, wenn sie eine Schreibweise überprüfen muss, die extrem fehlerhaft ist", sagt Mirjam Weder. Die Rechtschreibkorrektur markiert dann zwar, kann aber keine nützlichen Vorschläge machen. Das Gleiche gilt für unbekannte Wörter. Das bedeutet, dass es Voraussetzung ist, halbwegs richtig zu schreiben, um die Programme überhaupt effektiv nutzen zu können.
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Rechtschreibung von Abiturienten hat sich nur leicht verschlechtert
Im Gegensatz zu anderslautenden Meinungen in der Öffentlichkeit habe sich die Orthographie von deutschen Abiturienten und schweizer Maturanten im Vergleich zu früheren Jahrgängen nur geringfügig verschlechtert. Mirjam Weder führt den Leistungsabfall nicht ausschließlich auf die Autokorrektur zurück. „Es ist wie immer davon auszugehen, dass verschiedene Faktoren zusammenspielen, zum Beispiel hat sich der Stellenwert der Rechtschreibung in der heutigen Schreibdidaktik verändert wie sich auch die Schreibgewohnheiten durch häufigeres Schreiben als früher verändert haben — und vor allem durch häufigeres Schreiben in informellen Kontexten wie im Web 2.0, in Social Networks, E-Mails etc.", so Sprachwissenschaftlerin Weder. Außerdem werden Schüler heute in mehr Fächern geprüft als früher. Das führe zu einer Streuung der Leistung.
Fehler geraten aus dem Blick
Schlussendlich glaubt die Schweizer Forscherin, dass die Autokorrektur die Fähigkeit zum korrekten Schreiben nicht verschlechtert. „Die automatische Korrektur hat mit Sicherheit einen positiven Effekt auf die Korrektheit der produzierten Texte. Man könnte sogar annehmen, dass das Hinweisen auf Fehler das Bewusstsein für gewisse orthographische Probleme steigert, was ja zum Beispiel im Rechtschreibunterricht eine gängige Methode ist." Negativ könnte sich die Autokorrektur jedoch auf einen anderen Aspekt auswirken, nämlich auf die Fähigkeit, selbst im eigenen Text die Rechtschreibfehler zu finden. „Dies wird ja wirklich vollständig von der Autokorrektur übernommen. Meines Wissens nach wurden die Zusammenhänge aber noch nie untersucht."
