Nach dem chinesischen Bürgerrechtler Chen Guangcheng ist auch seinem älteren Bruder die Flucht aus dem Hausarrest gelungen. Chen Guangfu sei im Schutz der Dunkelheit aus seinem Heimatdorf Dongshigu im Osten des Landes geflohen und halte sich nun in Peking auf, teilte ein Anwalt der Familie am Donnerstag mit. Der blinde "Barfuß-Anwalt" Chen Guangcheng war Ende April in die US-Botschaft geflohen, inzwischen ist er in die USA ausgereist.
Familien-Anwalt Ding Xikui machte keine genauen Angaben zur Flucht und zum Aufenthaltsort von Chen Guangfu in Peking. "Ich habe Angst um seine Sicherheit", sagte er der Nachrichtenagentur AFP. Chen Guangfu habe seit der Flucht seines jüngeren Bruders wie die gesamte erweiterte Familie in Dongshigu de facto unter Hausarrest gestanden. "Da gab es Leute, die ihn beobachteten und jede seiner Bewegungen kontrollierten. Sie erlaubten ihm nicht, das Dorf zu verlassen." Trotzdem sei es Chen Guangfu "mitten in der Nacht" gelungen, aus Dongshigu zu fliehen.
Der Bürgerrechtler Chen Guangcheng hatte durch seinen Einsatz für die Opfer von Zwangssterilisierungen und Landenteignungen immer wieder den Zorn der chinesischen Behörden auf sich gezogen. Sein Engagement brachte ihm den Titel des "Barfuß"-Anwalts ein, mit dem in China autodidaktische "Rechtsanwälte" bezeichnet werden, die sich in Menschenrechtsfragen engagieren. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis im September 2010 stellten ihn die Behörden der östlichen Provinz Shandong unter Hausarrest. Am 22. April floh er jedoch unter spektakulären Umständen und fand vorübergehend Zuflucht in der US-Botschaft.
Der Fall sorgte für eine diplomatische Krise zwischen den USA und China und ein wochenlanges Tauziehen um sein weiteres Schicksal. Chen durfte schließlich mit seiner Frau und seinen beiden Kindern ausreisen und traf am vergangenen Wochenende in den USA ein. Kurz vor seiner Abreise hatte sich der Bürgerrechtler besorgt über das Schicksal seiner in China zurückbleibenden Familienangehörigen geäußert. Er befürchtete Racheakte der Behörden.
Vor allem sorgte sich der Ausreisende um seinen Neffen Chen Kegui. Der Sohn von Chen Guangfu hatte drei Beamte verletzt, die in das Haus der Familie eingedrungen waren, nachdem seinem Onkel die Flucht gelungen war. Er wurde festgenommen, die Behörden werfen ihm Mord vor - obwohl offiziell bei dem Vorfall keine Toten vermeldet wurden. Von den Justizbehörden wurden zwei staatliche Pflichtverteidiger benannt, die Familie schaltete aber eigene Anwälte ein, unter anderem Ding.
Ding zufolge floh Chen Guangfu nun aus dem Hausarrest nach Peking, um über das Schicksal seines Sohnes zu beraten. Bisher hätten die von der Familie ernannten Anwälte nicht mit Chen Kegui sprechen dürfen, kritisierte Ding. "Indem sie uns das Recht verweigern, ihn zu besuchen, verstoßen sie gegen das Gesetz."

