Schätzungsweise eine halbe Million Sinti und Roma wurden von den Nazis ermordet - jetzt erinnert ein Mahnmal nahe des Reichstagsgebäudes in Berlin an ihr Schicksal. "Der Völkermord an Sinti und Roma hat tiefe Spuren hinterlassen und noch tiefere Wunden", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei dem Festakt zur Einweihung.
Das Denkmal halte dem Betrachter einen "Spiegel unendlicher Trauer" vor, sagte Merkel. Es trage das Schicksal des einzelnen Menschen "in unsere Mitte" und mahne an die Verpflichtung, die Würde des Menschen zu achten - "und zwar in jedem einzelnen Falle", wie die Kanzlerin hervorhob.
Der Zeitzeuge Zoni Weisz bezeichnete den Genozid an den Sinti und Roma als den "vergessenen Holocaust". In seiner Rede schilderte er, wie er seiner Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz entging, aber zuschauen musste, wie seine Eltern und Geschwister abtransportiert wurden. Das Denkmal sei ein "Zeichen der Anerkennung des zugefügten Leids", aber auch der Hoffnung, dass "Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus nicht mehr diese Formen annimmt wie in den dreißiger Jahren." Weisz kritisierte zugleich den Umgang mit Sinti und Roma in der Gegenwart. Die Gesellschaft habe "fast nichts" gelernt.
Der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für die Seelsorge an Roma, Sinti und verwandten Gruppen, Weihbischof Franz Vorrath, erklärte, das Verbrechen an Sinti und Roma habe in der Gesellschaft - "und leider auch in der Kirche" - lange Zeit nicht die erforderliche Aufmerksamkeit gefunden. Die "Geschichte der Vorurteile" gegenüber dieser Volksgruppe sei "nicht an ihr Ende gelangt". Aber das Denkmal zeige, dass die Gesellschaft bereit sei zu lernen.
Grünen-Fraktionschefin Renate Künast erklärte zur Einweihung: "Das waren wir den Toten und den Überlebenden schuldig." Das Mahnmal mitten in der Hauptstadt werde zeigen, dass die Deutschen die Geschichte und die Opfer nicht vergessen. Das Mahnmal sei überfällig, auch erklärte die innenpolitische Sprecherin der Linken, Ulla Jelpke. "Überfällig ist aber auch, den Lebenden endlich ein Leben frei von Diskriminierung zu ermöglichen."
Das Vorstandsmitglied der Arbeiterwohlfahrt, Brigitte Döcker, mahnte, "den aktuellen Umgang mit den Roma zu überdenken". Die Nachkommen der Holocaust-Opfer würden wieder Opfer rassistischer Diskriminierung, wenn sie als Asylsuchende nach Deutschland kämen.
Das von dem israelischen Bildhauer Dani Karavan gestaltete Mahnmal liegt in unmittelbarer Nähe des Reichstags. Es besteht aus einem zwölf Meter breiten, kreisrunden Wasserbecken mit einer dreieckigen Stele in der Mitte. Bei der Eröffnungszeremonie wurde die Stele vor den Augen der Festgäste nach unten versenkt und mit einer frischen Blüte darauf wieder in die Höhe gehoben. Diese Prozedur soll sich jeden Tag wiederholen.
Auf den Brunnenrand ist auf Englisch und Deutsch das Gedicht "Auschwitz" des italienischen Dichters Santino Spinelli eingraviert, der selbst Roma ist. In eindringlichen Worten beschreibt das Gedicht das Leid der Holocaust-Opfer. Neben dem Denkmal ist auf Tafeln die Chronologie des Völkermords an Sinti und Roma aufgezeichnet. Während der NS-Gewaltherrschaft wurden nach Schätzungen rund 500.000 Sinti und Roma systematisch verfolgt und ermordet.




