Eine Wahlkampfpause ist kurz vor der Wahl kaum möglich. Mitt Romney hat bereits heute seine Kampagne offiziell wieder aufgenommen, und Barack Obama schickte Bill Clinton und Joe Biden als Ersatz.
Wahlkampf durch den Verzicht darauf: Das ist die Strategie, die Barack Obama seit dem Wüten von Riesensturm "Sandy" fährt. Auch für Mittwoch verordnete er dem Wahlkämpfer Obama eine Pause und schickte stattdessen erneut den Präsidenten Obama auf die Bühne. Sein Herausforderer Mitt Romney hingegen nahm in Florida den Wahlkampf wieder offiziell auf.
Obama ließ sich in New Jersey, dem neben New York am stärksten von "Sandy" betroffenen Bundesstaat, von Gouverneur Chris Christie die Schäden zeigen. Dort lebt ein Großteil der rund sieben Millionen Amerikaner, die seit Montagabend keinen Strom haben.
Ganze Siedlungen stehen unter Wasser, und andere sind durch zerstörte Gasleitungen in Brand geraten. Gummistiefel im Wahlkampf können hilfreich sein.
Christie als ortskundiger Führer des Präsidenten ist in jeder Hinsicht ein Schwergewicht unter den Republikanern. Er gilt als potenzieller Präsidentschaftsbewerber für 2016, und beim Parteitag in Tampa donnerte er als Keynote-Redner, Obama sei "die am schlechtesten für das Amt geeignete Person, die ich zeitlebens sah". Sein Fazit damals: "Mr. Präsident, echte Führungspersönlichkeiten folgen nicht Umfragen – sie ändern Umfragen!"
Im Vorfeld von Obamas Besuch in der Notstandregion pries Christie nun dessen "außerordentliche Unterstützung". Im republikanischen Haussender Fox News fügte er hinzu: "Der Präsident hat sich um alles gekümmert, und dafür hat er großes Lob verdient."
Ob er auch mit einem Besuch von Parteifreund Romney rechne? "Ich hab’ keine Ahnung, und es interessiert mich auch gar nicht", so Christie.
In republikanischen Kreisen heißt es, Christie habe Romney "unter den Bus gestoßen". Spekuliert wird, der 50-Jährige wolle mit seinem Lob Obamas Wiederwahl sichern, um 2016 gegen einen demokratischen Nachfolgekandidaten antreten zu können.
Näherliegend ist die Vermutung, dass Christie im liberalen und bei Präsidentschaftswahlen seit 1988 stets demokratisch votierenden New Jersey seine Wiederwahlchancen als Gouverneur für 2013 aufhübschen will.
Die Lücken in Obamas Wahlkampfkalender hatten am Dienstag Vizepräsident Joe Biden und ein Mann gefüllt, den Obama als "Minister für die Erklärung von Zeugs" preist: Bill Clinton. Der in der Bevölkerung populäre Vorvorgänger im Weißen Haus erläuterte am Dienstag in Columbus (Ohio), warum der Präsident nicht da sei.
Obama habe ihn Montagmorgen angerufen und gesagt: "Dieser Sturm gerät außer Kontrolle. Ich muss mich darum kümmern." Und er habe gesagt: "Mr. President, das ist die richtige Ansage."
Persönlich kehrt Obama am Donnerstag in die Kampagne zurück. Auf seiner Route liegen die "Swingstates" Wisconsin, Nevada und Colorado.
Romney nahm den offiziellen Wahlkampf am Mittwoch in Tampa wieder auf. Laut Umfragen führt er im hart umkämpften Florida knapp, ebenso wie in US-weiten Erhebungen.
Seit Montagmittag hatte Romney, mit wenigen Stunden Verzögerung dem Beispiel Obamas folgend, aus Rücksicht auf "Sandy" seine Kampagne pausieren lassen.
Stattdessen lud er in Ohio, einem weiteren wichtigen "Swingstate", zur "Sandy"-Hilfsveranstaltung ein. Dort hielt sich die Pietät in überschaubaren Grenzen: Zum Auftakt lief das bei allen Romney-Auftritten eingesetzte Wahlkampfvideo und auch die Erkennungsmelodie erklang.
Immerhin prangte diesmal auf zwei Großbildschirmen das Banner des Roten Kreuzes samt Telefonnummer, über die man für die "Sandy"-Hilfe spenden kann. Auf Tischen stapelten Anhänger mitgebrachte Konserven, Lebensmittel und Sanitärartikel.
Romney hatte um Spenden für die Katastrophenregion gebeten. In einer fünfminütigen Rede pries er praktizierte Hilfsbereitschaft als "Teil des amerikanischen Weges".
Nicht antworten mochte Romney am Rande des Auftritts auf eine unermüdlich wiederholte Frage: Ob er im Falle seines Wahlsieges die Federal Emergency Management Agency (Fema) schließen würde, die Bundesbehörde für Katastrophenhilfe, um deren Kompetenz auf die Ebene der Einzelstaaten zu verlagern. Das hatte Romney im Juni 2011 in einer Debatte unter Hinweis auf Washingtons Budgetdefizit und Rekordverschuldung gefordert.
"Jedes Möglichkeit, der Bundesregierung etwas wegzunehmen und an die Staaten zurückzugeben, ist die richtige Richtung", so Romney damals. "Und wenn man noch weiter gehen kann und das zurückgeben kann an den Privatsektor, ist das noch besser."
Das bringt Romney im Angesicht von "Sandy" heftige Kritik ein. Seine Sprecher versichern indes, der Kandidat sehe die Einzelstaaten als zuständig für die "erste Hilfe", weil sie besser in der Lage seien, den Bedarf von Individuen und Kommunen einzuschätzen. Doch dies "schließt Hilfe von der Bundesregierung und Fema ein", wird nun betont.
Derweil hat das Team Romney in einem überraschenden Schritt seine TV-Spots auf drei Staaten ausgeweitet, die als recht sicheres Demokraten-Terrain galten, nämlich Michigan (dort beträgt Obamas Vorsprung drei Prozentpunkte), Pennsylvania (4,6 Punkte) und Minnesota (5,3 Punkte).
Im Weißen Haus heißt es, man nehme die Attacke Romneys ernst. Obamas Chefberater David Axelrod demonstriert seine Zuversicht mit einer saloppen Wette: "Ich werde mir nach 40 Jahren meinen Schnäuzer abrasieren, wenn wir einen dieser drei Staaten verlieren."


