Berlin (dapd). Der lange Kampf gegen den Krebs hatte Robin Gibb sichtbar gezeichnet. Noch im März schien es, als sei die tückische Krankheit, die vom Darm auf die Leber übergegriffen hatte, auf dem Rückzug - rechtzeitig zur Veröffentlichung seines mit Sohn Robin-John komponierten "Titanic Requiems". Aber am Ende war sein Körper dann doch zu schwach. Am Sonntag starb Gibb im Alter von 62 Jahren.
Mit den Brüdern Maurice und Barry bildete Robin Gibb die Bee Gees - eine Popgruppe, deren kommerzieller Erfolg sich mit dem der Beatles messen kann. 200 Millionen Platten verkauften sie in fünf Jahrzehnten, hatten seit den 60er-Jahren längst zu Evergreens gewordene Hits wie "Massachusetts", "I've Gotta Get A Message To You", "Lonely Days", "How Can You Mend A Broken Heart", "How Deep Is Your Love", "Stayin' Alive", "You Win Again" und "For Whom The Bell Tolls".
Den perfekten Harmoniegesang des Trios prägte Robin Gibbs Stimme, eine der intensivsten der Popgeschichte - klar wie eine Trompete oder in einem unglaublichen Falsett wie bei den Disco-Hits der 70er-Jahre. "Er hatte ein Talent für die Melodie, ein Talent für Texte. Er hinterlässt ein phänomenales Vermächtnis", sagte der frühere Radiomoderator des britischen Rundfunksenders BBC und Freund der Familie, Mike Read.
"Robins himmlische Stimme war Markenzeichen und entscheidender Bestandteil des Sounds der Bee Gees", heißt es in einer Biografie Gibbs, die in elf Kapiteln auf seiner Webseite steht. Sie sind überschrieben mit Titeln wie "Geburt der Brillanz", "Erster Ruhm", "Geschichte schreiben" und - zuletzt - "Alles was wir haben ist jetzt".
Ein Requiem zum Untergang der "Titanic" vor 100 Jahren wurde zum letzten Werk Gibbs. Eines der Lieder daraus, "Don't Cry Alone" - "Weine nicht allein" - sang er selbst. Vater und Sohn schrieben das klassische Requiem zusammen, die Arbeit daran gab Gibb wohl während der Krebstherapie Mut und Kraft. Er wollte nach eigenen Angaben auf seiner Webseite noch mehr klassische Musik komponieren, noch in diesem Jahr aber auch wieder mit seinem 65-jährigen Bruder Barry Popmusik schreiben.
Sein Zwillingsbruder Maurice starb 2003 nach einer Darmoperation. Der jüngste Bruder Andy, der allerdings nie zu den Bee Gees gehörte, starb 1988 an einer Herzmuskelentzündung. Er wurde nur 30 Jahre alt. "Manchmal frage ich mich, ob die Tragödien, die meine Familie erlitt, eine Art karmischer Preis für all den Ruhm und Reichtum sind, den die Bee Gees gehabt haben", sagte der am 22. Dezember 1949 auf der Isle of Man als drittes von fünf Kindern geborene Gibb in einem seiner letzten Interviews der britischen Zeitung "The Sun".
Der Kampf gegen den Krebs begann im August 2010, Gibb brach bei einem Konzert in Belgien zusammen, wurde durch eine Notoperation gerettet. Weitere Operationen und Chemotherapien folgten.
Die Bee Gees waren erfolgreich, aber sie galten auch - im Gegensatz zu Beatles und Rolling Stones - als rein kommerziell. Ihre Schmusenummern von "Massachusetts" über "Words" bis "You Win Again" kennt zwar jeder, viele haben sie aber als Schnulzen abgetan. Die Bee Gees standen für harmonische Perfektion, und selbstbewusst lässt Gibb ein Kapitel seiner Online-Biografie mit "Unsterblichkeit" überschreiben - es geht da um die Jahre 1997 bis 2002.
Von seinem Klassikdebüt wünschte er sich, ernst genommen zu werden. "Es ist ein ernstes Thema und keine Rock-Oper, es gibt keine Backbeats", sagte er in einem auf seiner Webseite veröffentlichten Interview über das "Titanic-Requiem". Die Lieder "Daybreak" und "Don't Cry Alone" dafür schrieb er unmittelbar nach einer Entlassung aus dem Krankenhaus. "Ich fing an Keyboards zu spielen und der Song passierte einfach… Das Lied ('Don't Cry Alone') ähnelt 'Daybreak' sehr: Der Geist, der gegangen ist, tröstet den, der lebt."
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