Bukulmez/Türkei (dapd). Vor dem türkischen Krankenhaus nahe der syrischen Grenze raucht der Mann im grauen Gewand eine Zigarette und hält seine schlafende Tochter Aya im Arm. Die Zweijährige umklammert einen Schokoriegel, ihre rechte Gesichtshälfte ist bandagiert. Aya hat das Auge verloren. Sie wurde vom Schrapnell einer Granate getroffen, die ihren acht Monate alten Bruder Mohammed und die Mutter tötete.
Aya und ihr Vater zählen zu den rund 200.000 Menschen, die nach UN-Angaben inzwischen aus dem umkämpften Aleppo geflohen sind. Teils schwer verletzt, packen Einwohner der größten syrischen Stadt das Nötigste zusammen, quetschen sich auf Lastwagen, in Autos und auf Motorräder und versuchen, sich in Dörfern auf dem Land, in Schulen außerhalb der Stadt oder in staubigen Zelten jenseits der türkischen Grenze in Sicherheit zu bringen. Sie schildern in Gesprächen mit der Nachrichtenagentur AP eine von Regierungstruppen belagerte Stadt unter unablässigem Trommelfeuer, sie berichten, dass Lebensmittel sowie Sprit knapp und die Schwarzmarktpreise saftig sind.
Die Schlacht um die Drei-Millionen-Metropole Aleppo, einst eine Bastion der Anhänger von Staatschef Baschar Assad, ist für das Regime wie für seine Gegner von entscheidender Bedeutung. Fällt sie, hätte die Opposition eine Hochburg im Norden und damit einen großen strategischen Erfolg erzielt. Eine Niederlage der Rebellen würde Assad mehr Zeit verschaffen.
Der Beschuss der von Rebellen besetzten Stadtteile und umliegender Dörfer schlug ganze Familien in die Flucht, manche bis in die 50 Kilometer entfernte Türkei, wo bereits Zehntausende Syrer Unterschlupf gefunden haben. "Dutzende Familien packen ihre Habe und fahren ab", berichtete ein Aktivist aus einem Dorf bei Aleppo am Montag, der aus Sicherheitsgründen seinen Namen nicht preisgeben wollte. "Sie nehmen nur leichte Sachen mit, die sie tragen können, wie Kleidung und ein paar Wertsachen. Das ist alles."
Unter den Flüchtlingen, die am Montag die Türkei erreichten, ist auch Reem, eine Mittdreißigerin aus dem Stadtteil Saif al Daule. "Die Lage in Aleppo ist fürchterlich", sagt sie nach der Ankunft am illegalen Grenzübergang Bukulmez, wo sie von türkischen Soldaten in Empfang genommen wird. "Wäre es nur gerade noch auszuhalten gewesen, hätte ich mein Zuhause nie verlassen." Reem, die nur mit Vornamen genannt werden möchte, hielt sich nach eigener Schilderung drei Tage lang in einem Raum am Eingang des Hauses versteckt, in dem sie wohnte. Dann flüchtete sie in ein Dorf im Grenzgebiet und schließlich in die Türkei. "Das Regime ist an allem schuld. In der Stadt sind Menschen auf die Straße gegangen und haben friedlich demonstriert, aber die haben einfach auf sie geschossen", sagt Reem noch, bevor türkische Soldaten die AP-Reporter von der Grenze vertreiben.
Vor dem Krankenhaus erinnert sich Ayas Vater, wie das Unheil seine Familie traf. "Ich war bei der Arbeit, als ich einen Anruf bekam, dass eine Granate mein Haus getroffen habe", berichtet er. "Als ich heimkam, fand ich meine Frau und meinen Sohn tot auf dem Boden liegen. Meinem Sohn war ein Teil des Schädels weggerissen und Aya war verwundet", sagt der Mann aus dem Stadtteil Bustan al Kasr. "Die ganze Stadt ist verwüstet."
dapd


