Nach erneuten Festnahmen von Offizieren durch die Justiz in der Türkei hat sich Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan erstmals kritisch über das Vorgehen von Polizei und Staatsanwaltschaft geäußert. Die immer neuen Wellen von Festnahmen bereiteten auch der Regierung Sorge, sagte Erdogan nach Presseberichten vom Mittwoch. Er mahnte einen zügigen Abschluss der Ermittlungen an. Die immer neuen Festnahmen seien schädlich für Ruhe und Ordnung. Der Regierungschef warnte, das Land könne daran "ersticken".
Am Dienstag hatte die Staatsanwaltschaft Ankara sechs aktive und elf pensionierte Offiziere festnehmen lassen. Ihnen wird die Teilnahme an einer unblutigen Militärintervention vorgeworfen, mit der die Generäle 1997 die damalige islamistische Regierung von Necmettin Erbakan aus dem Amt drängten. Unter den Festgenommenen war ein Ex-General, der die damalige Innenministerin Meral Aksener mit Folter durch Pfählung bedroht haben soll. Die Offiziere sollten am Mittwoch in Ankara vor Gericht erscheinen.
Seit Beginn der Ermittlungen zu dem Putsch im April ließ die Staatsanwaltschaft bereits fast 60 Verdächtige in Gewahrsam nehmen. Die Opposition wirft Erdogans islamisch-konservativer Regierung seit langem vor, sie treibe die Justiz zu immer neuen Festnahmen an, um die Macht der Armee zu schwächen. Insgesamt müssen sich derzeit rund 200 aktive und pensionierte Offiziere, darunter auch ein ehemaliger Generalstabschef, wegen des Verdachts der Beteiligung an Putschen beziehungsweise Putschplänen vor Gericht verantworten.

