Berlin (dapd-nrd). Atempause für Philipp Rösler: Bis zur Schleswig-Holstein-Wahl vom Sonntag galt der FDP-Chef als "Mann auf Abruf". Doch ausgerechnet sein bisheriger Kontrahent Wolfgang Kubicki hat ihm mit dem Wahlerfolg im Norden Luft verschafft. Mit dem Wahlslogan: "Wählen Sie doch, was Sie wollen" hat Kubicki trotz des bundesweiten Rösler-Tiefs für Liberale derzeit unvorstellbare acht Prozent geholt. So konnte Rösler am Montag lächelnd vor die Presse treten und unwidersprochen sagen: "Ich sehe die gesamte FDP stabilisiert."
Auch ziehen sich mögliche Putschisten in den Reihen der Liberalen zurück, nachdem Zeit und Namen öffentlich gemacht wurden. Keiner will gern als Königsmörder dastehen. Jetzt nicht. "Damit ist der Sturz abgeblasen. Vorerst", sagt ein Spitzenliberaler am Montag. Frühestens im Herbst werde es wohl wieder eine Führungsdebatte geben, wenn die FDP ihr Spitzenteam für die Bundestagswahl 2013 zusammensucht.
Bei den jüngsten vier Landtagswahlen war die FDP mit weniger als fünf Prozent aus den Parlamenten geflogen. Das hatte in der Partei die Suche nach einem möglichen Nachfolger ausgelöst. Unter der Hand fiel immer wieder der Name Rainer Brüderle. Doch der FDP-Fraktionschef im Bundestag winkte ab, und seine Umgebung wurde nicht müde zu betonen: "Er will nicht." Bis er, so klang es durch, gerufen würde.
Am Montag wäre es nun soweit gewesen. Nur eben an der falschen Stelle. Der einflussreiche "Schaumburger Kreis" soll sich für Brüderle als künftigen Parteichef ausgesprochen haben. Nur eben in der "Bild"-Zeitung. Darauf hätten sich die Mitglieder des Kreises in einer ihrer letzten Sitzungen verständigt, schreibt das Blatt unter Berufung auf informierte Kreise. Was bleibt übrig als öffentlich Nein zu sagen? Brüderle: "Es stehen keine Personaldebatten an."
Auch der vor einem Jahr gestürzte FDP-Chef und heutige Nur-noch-Außenminister Guido Westerwelle will keine Unruhe aufkommen lassen. "Ich unterstütze die Parteiführung", sagt er am Wahlabend. Das wird zum geflügelten Wort bei FDP-Spitzenpolitikern am Tag nach der Landtagswahl von Schleswig-Holstein. Das Ergebnis von gut acht Prozent wird als "Stabilitätsanker" für Rösler verkauft, auch wenn es eigentlich fast sieben Prozent weniger sind als noch vor drei Jahren.
Aber ein Trend scheint gebrochen. Und dieses Signal ist wichtig vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Schließlich gelten Urnengänge im bevölkerungsreichsten Bundesland immer als "kleine Bundestagswahl". Wenn dort die FDP aus dem Landtag fliegen sollte, würde es nicht dem Spitzenkandidaten Christian Lindner angerechnet, sondern Philipp Rösler. "Er kann es einfach nicht", hatten viele Liberale enttäuscht nach dem Parteitag von Karlsruhe gesagt. Dort hatten Lindner und Brüderle vorgemacht, wie man Wahlschlachten führt und wie man die liberale Seele erreicht.
Lindner gilt neben Kubicki als zweiter Rösler-Antipode. Erst Ende vergangenen Jahres hatte er wegen eines Zerwürfnisses mit dem Parteichef sein Amt als Generalsekretär der Bundes-FDP überraschend hingeschmissen. Noch überraschender war sein Comeback wenige Monate später als Spitzenkandidat der NRW-FDP. Seit Sonntag ist der 33-Jährige nun auch Chef des größten FDP-Landesverbandes und will seinen Wahlkampf nicht an der Bundes-FDP ausrichten, um nicht in den "Rösler-Sog" abwärts zu geraten. Konsequent setzt er daher auf landespolitische Themen.
"Interessant wird es nach dem Wahlabend, wenn auch eine Ampel in NRW möglich ist", sagen Spitzenliberale. Und schließen nicht aus, dass die FDP unter Lindner in eine Koalition mit SPD und Grünen eintreten. "Dann wird es enger für die Koalition in Berlin und enger für Philipp Rösler." Pragmatische Politik wird das in Parteikreisen genannt. Denn der Putsch gegen Rösler sei nicht aufgehoben, nur verschoben. Bis zum Herbst.
dapd


