Joseph S. Blatter will als Präsident des Fußball-Weltverbandes FIFA weitermachen: Trotz harscher Kritik an seiner Person und einer öffentlichen Rücktrittsforderung von Liga-Präsident Reinhard Rauball sieht der 76-jährige Schweizer keinen Grund zum Rücktritt. Bei einer Pressekonferenz in Zürich unterstrich er, von keinen weiteren Schmiergeldzahlungen Kenntnis zu haben.
"Wenn ich jedes Mal darauf reagieren würde, wenn irgendwo auf der Welt jemand meinen Rücktritt fordert, würde ich mich blau und grün ärgern. Damit muss man einfach leben. Wenn einer meinen Rücktritt will, muss es der Kongress machen", sagte Blatter.
Die Rücktrittsforderung des deutschen Liga-Chefs sei kein Thema auf der Exekutivsitzung auf dem Zürichberg gewesen. "Nein, wir haben über das Thema nicht gesprochen", äußerte Blatter, der von großer Einmütigkeit und Geschlossenheit in der "Regierung des Weltfußballs" berichtete. Das gesamte Exekutivkomitee "bildet eine große Familie. Am Ende der Sitzung haben alle gesagt: 'Wir folgen dir, denn wir sitzen alle in einem Boot'", sagte der FIFA-Chef.
Die Reform komme aus seiner Küche. Und zur wachsenden Kritik an seiner Person sagte Blatter: "Ich bin für mich verantwortlich, nicht für die Beurteilung meiner Person durch andere. Wenn man mich nicht mehr will in der FIFA, dann werden die Verbände aufstehen: 'Blatter, wir wollen nicht mehr.' Ich werde sagen: 'Dankeschön' und gehe dann weg. Ohne Wenn und Aber. Das ist aber der Kongress, der das macht." Der seit 1998 als FIFA-Chef amtierende Walliser wirkte keineswegs angeschlagen, aber sehr angespannt.
Am vergangenen Mittwoch hatte das Schweizer Bundesgericht bestätigt, dass FIFA-Ehrenpräsident Joao Havelange (96) und sein ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixeira (65) Schmiergelder in Millionenhöhe vom inzwischen insolventen FIFA-Vermarkter ISL erhalten hatten. Blatter will erst mit der ISL-Pleite 2001 von den Zahlungen erfahren haben.
Auf die Forderung verschiedener deutscher Politiker, Blatter das 2006 verliehene Bundesverdienstkreuz zu entziehen, sagte der FIFA-Chef: "Kein Kommentar, wenn man mir es wegnimmt, dann nimmt man es mir weg." Seine in einem Interview erhobenen Vorwürfe zu möglichen Manipulationen bei der WM-Vergabe 2006 an Deutschland relativierte Blatter erneut: "Ich habe nur gesagt, dass einer aus dem Saal gegangen ist." In einem in der "Bild"-Zeitung veröffentlichten offenen Brief hatte Blatter zuvor gegenüber den Aussagen vom Sonntag eine Rolle rückwärts vollzogen.
Der Präsident machte auf der Pressekonferenz die Besetzung der beiden unabhängigen Kammern der FIFA-Ethik-Kommission publik. Die rechtsprechende Kammer steht unter dem Vorsitz des Deutschen Hans-Joachim Eckert, die ermittelnde Kammer wird vom US-Amerikaner Michael Garcia geleitet. Blatter erklärte, dass es bei Korruption keine Verjährungsfrist mehr geben wird, sodass auch Fälle aus der Vergangenheit aufgearbeitet werden können. "Alle Mitglieder waren dafür", berichtete Blatter, "sie sehen einen glücklichen Präsident. Unser Reformprozess geht weiter. Wir haben zwei neue Werkzeuge zur Verfügung."
DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sagte in Berlin: "Mit großer Freude habe ich festgestellt, dass das neue Ethik-Komitee den klaren Auftrag bekommen hat, die Dinge genau zu untersuchen, die im Zusammenhang mit der ISL und Geldzuwendungen in der letzten Woche publik geworden sind. Das ist der richtige Weg. Ein glaubwürdiger Neuanfang ist nur möglich, wenn die Vergangenheit aufgearbeitet wurde."


