Schimpfwörter gibt es in allen Sprachen. Doch wie man seinem Ärger Luft macht, ist von Land zu Land verschieden. Was anderswo als große Beleidigung gilt, klingt für unsere Ohren oft seltsam – oder einfach nur lustig...
„Du Sohn einer Gurke“ – in Deutschland dürfte wohl niemand ernsthaft schockiert sein, wenn er mit solchen Worten beschimpft würde. Anders sieht das in der Türkei aus: „Sohn einer Gurke“ gilt dort als gemeine Beleidigung. Der Grund: In der Türkei hat die Familie einen höheren Stellenwert als bei uns. Wer sie beschimpft, verletzt andere in ihrer Ehre.
Andere Länder, andere Sitten
So unterschiedlich die Sprachen und Kulturen sind, so sind es auch die Flüche: Ein Russe flucht anders als ein Italiener, ein Brite anders als ein Ungar. Denn Flüche zielen in der Regel auf Tabu-Themen ab, die nicht in jeder Gesellschaft gleich sind. Wo Religion einen hohen Stellenwert hat, zum Beispiel in Spanien, drehen sich viele Flüche um religiöse Begriffe: „Hostia!“ (Hostie) ruft ein wütender Spanier, oder aber „Me cago en la hostia!“ (Ich scheiß' auf die Hostie!). Dagegen gilt es in der Türkei, im arabischen und persischen Sprachraum als besonders schlimm, die Familie zu beleidigen. Die Ausdrücke sind äußerst kreativ: „Ich furze in deines Vaters Bart“ sagt man beispielsweise im Iran, „Friss doch deinen Vater“ oder „Deine Muttermilch war Kamelpisse“ im arabischen Raum.
Fluchforscher, so genannte Malediktologen, haben herausgefunden, dass ein Schimpfvokabular in allen Sprachen und Kulturen existiert – und das schon seit Jahrtausenden. Sie glauben, dass das Flüche ein wichtiger Bestandteil unseres täglichen Lebens sind. Mehr noch, Fluchen soll sogar gesund sein: Es diene dazu, Dampf abzulassen, seine Wut herauszulassen – es sei denn natürlich, es trifft den Falschen. Studien haben sogar gezeigt, dass wir uns Flüche besser merken können als normale Wörter.
Kreativ, derb oder langweilig?
Eine der kreativsten Fluchkulturen existiert im Judentum. Ein jüdischer Fluch besteht meist aus zwei Teilen: Im ersten Teil sagt man etwas Freundliches, was im zweiten dann wiederum ins Gegenteil verkehrt wird – um noch härter zu treffen. Zum Beispiel: „Alle Zähne sollen dir ausfallen, bis auf einen, damit du Zahnweh haben kannst.“ Forscher glauben, dass durch Einflüsse aus vielen verschiedenen Sprachen und die jahrelange Verfolgung eine so reiche und schillernde Fluchkultur entstanden ist.
Ganz anders in Russland: Hier herrscht eine derbe und vulgäre Fluchkultur vor. „Mat“ heißt das russische Repertoire an Schimpfvokabeln, was übersetzt so viel bedeutet wie „lautes Geschrei“. Fast alle russischen Flüche basieren auf drei Mat-Vokabeln: „Pisda“ (was etwa dem deutschen „Fotze“ entspricht), „jebat“ (für ficken) und, das schlimmste russische Wort überhaupt, „Chui“ (Schwanz). Ausländern wird dringend davon abgeraten, diese Mat-Begriffe zu verwenden – sicherlich aus gutem Grund. Die Wörter gelten in Russland als wirklich schlimm, und angeblich verkümmern sogar Pflanzen in der Gegenwart von „Mat“.
In Deutschland ist man weniger erfinderisch, was das Fluchen angeht. Wer sich aufregt, ruft „Scheiße“ – und dabei bleibt es meist. Da die Familie keinen so hohen Stellenwert besitzt wie etwa in Südeuropa und auch Religion immer weniger wichtig wird, beschränken sich Flüche auf den sexuellen oder fäkalen Bereich. Doch auch das könnte sich ändern: Wie die Gesellschaft ist auch die Fluchkultur im Wandel. „Du Opfer“ hört man beispielsweise immer häufiger unter Jugendlichen – vielleicht eine Reaktion auf die Angst vor dem Versagen in einer neuen Leistungsgesellschaft.


