Kurz vor Ankunft von Papst Benedikt XVI. in Deutschland hält die heftige Auseinandersetzung um dessen Rede vor dem Bundestag unvermindert an. Mehrere Unionspolitiker kritisierten in scharfer Form die Abgeordneten, die die Papstrede am Donnerstag boykottieren wollen. Bundespräsident Christian Wulff warb derweil dafür, dass die katholische Kirche für wiederverheiratete Gläubige mehr Verständnis zeigt.
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) bezeichnete den angekündigten Protest von Linken-, Grünen- und SPD-Abgeordneten gegen die Papstrede im "Tagesspiegel" als "eine Mischung aus Hochmut und Kleingeist, aus Provinzialität und Überheblichkeit". CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe sagte der "Saarbrücker Zeitung", in dieser Weise einer so bedeutenden Persönlichkeit im Bundestag den Respekt zu verweigern, "finde ich beschämend, ja schäbig."
Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, kritisierte den Boykott. "Ich habe kein Verständnis dafür, dass Abgeordnete diese Rede boykottieren möchten", sagte Schneider der Mainzer "Allgemeinen Zeitung". Es sei doch einfach eine Frage der Höflichkeit, dem Papst auch zuzuhören. "Und Zuhören und Zustimmen sind doch zwei verschiedene Dinge", sagte der EKD-Vorsitzende.
Bundespräsident Wulff verteidigte die Rede des Papstes im Parlament. Er finde es "grundsätzlich gut, wenn der Bundestag Staatsoberhäupter zu Wort kommen lässt", sagte Wulff in einem Gespräch mit der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA).
Linken-Chef Klaus Ernst forderte dagegen "Respekt" für die Entscheidung von Abgeordneten, der Rede des Papstes fernzubleiben. "In diesem Land zählen Religionsfreiheit und Demonstrationsfreiheit zu den Grundrechten, auch für Abgeordnete", sagte Ernst der Nachrichtenseite n-tv.de. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, sagte dem Nachrichtensender N24, es dürfe trefflich darüber gestritten werden, ob der Bundestag der geeignete Ort für die Rede sei.
Bundespräsident Wulff sprach sich dafür aus, dass die katholische Kirche wiederverheirateten Katholiken mehr entgegenkommt. Die Millionen von Menschen in konfessionsverschiedenen Ehen und Millionen von wiederverheirateten Katholiken, aber auch viele andere Gruppen erwarteten "eine individuelle Betrachtung, Verständnis, versöhnende Erfahrungen, befreiende Botschaften", sagte der Bundespräsident.
Wulff ist selbst Katholik und in zweiter Ehe verheiratet. Die katholische Kirche schließt Geschiedene und auch wiederverheiratete Geschiedenen von der Kommunion aus. Er habe hierzu in der Kirche durchaus auch viel Differenzierung erlebt, sagte der Bundespräsident. Er appellierte an die katholische Kirche: "Manchmal ist man geneigt, Beteiligten zuzurufen: Fürchtet euch nicht!"
Papst Benedikt XVI. wird am Donnerstag zu einem viertägigen Besuch in Deutschland erwartet. Er besucht dabei Berlin, Erfurt und Freiburg. Auf dem Programm stehen neben der Rede im Bundestag unter anderem eine Messe im Berliner Olympiastadion sowie Treffen mit Bundespräsident Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).


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