Die Kanzlerin inszeniert sich gern mit der Nationalmannschaft. Diesmal wird das schwierig, weil die Fußball-EM in der autokratisch regierten Ukraine stattfindet. Doch Merkel hat einen Plan.
Das Trikot war schon fertig: M – E – R – K – E – L steht auf dem Rücken, darunter die 10, die Spielmachernummer im Fußball. Es ist das Hemd der deutschen Nationalmannschaft in Standardausfertigung – und doch ein Unikat: Adidas hat es vor zwei Jahren angefertigt, um es der Bundeskanzlerin zu schenken, wenn sie nach Südafrika zum Finale der Weltmeisterschaft fliegen würde.
Daraus wurde dann nichts, weil sich in der 73. Minute des Halbfinales kurz kein deutscher Abwehrspieler für Carles Puyol zuständig fühlte. Spanien kam weiter, und Merkel blieb in Berlin. Adidas lieferte sein Kanzlerinnen-Trikot nie aus. Ob der Sportartikelhersteller aus Herzogenaurach ein neues beflockt, also mit dem "Merkel"-Schriftzug verziert, ist noch unklar.
Dabei ist Merkel, der die Leidenschaft für den Fußball nicht in die Wiege gelegt wurde, als Kanzlerin ein echter Fan geworden. Sie erlebte das Sommermärchen 2006 als Startpunkt des zweiten deutschen Wirtschaftswunders und die WM 2010 als Schlusspunkt nach einem verstolperten Start ihrer schwarz-gelben Koalition.
Es ist daher nur ein ironisch getarnter Traum vom nationalen Taumel, wenn Merkels parlamentarischer Geschäftsführer Michael Grosse-Brömer am Freitag twitterte, jeder, der die Bundesregierung "toll findet, sollte das durch ein schwarz-rot-goldenes Zeichen demnächst mal anzeigen".
Zudem war es Merkel, die alle Schranken zwischen Politik und Fußball niederriss: Beim Spiel Deutschland gegen die Türkei in Berlin vor knapp zwei Jahren drang sie gar nach Abpfiff in die Kabine ein. Anschließend veröffentlichte ihr Bundespresseamt ein Foto mit dem nur halb bekleideten Nationalspieler Mesut Özil, was ihr sogar einen Protest des DFB einbrachte.
Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff versuchte so verzweifelt neben Merkel ebenfalls als Fan der Nationalelf wahrgenommen zu werden, dass er bei der WM 2010 ankündigte, allen Spielern das "silberne Lorbeerblatt" zu verleihen.
Merkel interessiert sich wirklich für Fußball, vor allem für den FC Bayern München, und kennt sogar Details wie Verletzungen und Formschwankungen. Sie ist gern mit Sebastian Schweinsteiger und Philipp Lahm zusammen, weiß aber auch, dass die dabei entstehenden Fotos gut für ihr Bild als Kanzlerin eines sympathischen Deutschland sind.
Doch leider ist diesmal auch der wesentlich weniger sympathische Viktor Janukowitsch im Bild – Wahlfälscher, Autokrat und als Präsident der Ukraine Gastgeber beim Endspiel in Kiew. Er freut sich schon auf die Aufwertung seiner internationalen Reputation, gerade durch die mächtigste Frau Europas: "Man muss Frau Merkel unbedingt zum Finale einladen", sagte Janukowitsch schon am Donnerstag.
Fußball oder Menschenrechte? Im Kanzleramt hat man sich, typisch Merkel, dafür entschieden, einer Entscheidung über diese Frage erst einmal auszuweichen. Sicher ist: Die Kanzlerin wird keines der drei Vorrundenspiele der deutschen Nationalelf besuchen.
Diese finden allesamt in der Ukraine statt, eines gar in Charkow, wo die schwer kranke Oppositionelle Julia Timoschenko inhaftiert ist. Bundespräsident Joachim Gauck hatte die Kanzlerin unter Druck gesetzt, als er – mit kaum verhohlenem Bezug auf die unwürdige Behandlung Timoschenkos – eine Reise in die Ukraine absagte. Ist Merkels Fernbleiben ein klares Zeichen in diesem Geist?
Nein. Der Besuch eines Vorrundenspiels sei "aus terminlichen Gründen nicht möglich", betont Merkels Sprecher. Das ist selbstverständlich nur eine Floskel – am Mittwoch etwa, dem Tag des Spiels gegen die Niederlande, hat Merkel nur den Besuch des Sommerfestes der hessischen Landesvertretung geplant.
Unabsagbar ist das wohl nicht – aber Termine erfüllen ja auch einen anderen Zweck: Sie halten Merkel alle Optionen offen. Merkels Leute beobachten die öffentliche Meinung genau und wirken auch auf sie ein. So weisen sie darauf hin, wie viel Deutschland schon auf unterschiedlichen Wegen für Timoschenko getan habe.
Unter anderem wurde erreicht, dass ein deutscher Arzt Timoschenko untersuchen durfte. Auch wird gefragt, ob, wer die EM in der Ukraine boykottiere, denn in zwei Jahren zu den Olympischen Winterspielen ins russische Sotschi reisen könne. Wolle man auch den mächtigen Putin brüskieren?
Solche Argumente bereiten den Boden. Denn es gibt einen Geheimplan, wie die Kanzlerin doch noch zum Fußball – und den werbewirksamen Fotos kommt. Der Plan hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Damit er gelingt, darf die deutsche Nationalmannschaft nicht zu erfolgreich sein.
Gewinnen die Vorderleute von Manuel Neuer ihre schwere Vorgruppe, dürfen sie im Viertelfinale zwar im menschenrechtlich unbedenklichen Polen antreten, spielen aber am 22. Juni. Und da trifft sich Merkel in Rom mit den Regierungschefs von Italien, Frankreich und Spanien, um die Euro-Krise zu besprechen.
Da wird nicht mehr möglich sein als ein gemeinsames Foto beim Fußballschauen – wie es die Staats- und Regierungschefs der G 8 in Camp David neulich zum Champions-League-Finale einrichteten.
Ein Stadionbesuch hingegen, der nicht nur Fotos, sondern viel wirksamere Fernsehbilder produziert, ist möglich, wenn die Deutschen die Gruppe nicht gewinnen. Als Gruppenzweiter spielten die Adlerträger ihr Viertelfinale in Warschau schon am 21. Juni.
Termine der Kanzlerin sind für diesen Tag – so ein Zufall! – bisher nicht bekannt. Die Folgerung, Merkel drücke der Nationalelf deshalb nur einen Daumen, wird im Kanzleramt aufs Allerheftigste dementiert.
Nach dem Viertelfinale sieht es freilich wieder schlecht aus für Stadienbesuche: Das erste Halbfinale am 27. Juni findet in Donezk/Ukraine statt. Zum anderen Semifinale in Warschau am 28. Juni kann Merkel hingegen nicht: Da muss sie sich in Brüssel gegen zwei Dutzend Staats- und Regierungschefs wehren, die mit deutschem Geld Europas Wirtschaft ankurbeln möchten. Das ist wirklich ein Pflichttermin.
Bleibt das Endspiel am 1. Juli – bei Janukowitsch in Kiew. Offiziell gibt es keine Planungen, aber man geht im Kanzleramt wohl davon aus, dass eine bis dahin erfolgreiche Nationalelf ein neues Meinungsklima schafft.
Bei einem neuen schwarz-rot-goldenen Sommermärchen könnte sich das Volk sogar wünschen, seine Kanzlerin auf der Tribüne zu sehen – ob nun ein hässlicher Autokrat danebensteht oder nicht.


