Bayreuth (dapd-bay). Mit viel Getöse und beeindruckendem Rauschen im Blätterwald wurde in diesem Jahr schon vor der Eröffnung der Bayreuther Festspiele die Neuinszenierung begleitet. Vor der Premiere kam es zum Eklat: Es stellte sich heraus, dass der russische Bassbariton Evgeny Nikitin, der die Titelpartie des "Fliegenden Holländers" singen sollte, ganz und gar kein braver Junge war. Er hatte sich mit 16 in Murmansk ein Hakenkreuz auf die Brust tätowieren lassen, das aber längst übermalt und doch noch schemenhaft zu erahnen ist. Das sorgte für heftige Irritationen, und Nikitin reiste vier Tage vor der Premiere ab. Ein Desaster!
Am Mittwochabend nun ging die Premiere von Richard Wagners "Fliegendem Holländer" über die Bühne, denn der Südkoreaner Samuel Youn war eingesprungen. Er machte seine Sache ordentlich, wurde mit dankbarem Applaus überschüttet. Und doch hätte man in dieser allzu braven Inszenierung gerne den beeindruckenden Russen mit seiner leicht dämonischen Attitüde in der Rolle des Holländers gesehen.
Der 31-jährige Regisseur Jan Philipp Gloger inszenierte den "Holländer" als eine Geschichte unserer Tage, die im Finanzmilieu spielt. Das hatte man in der letzten Zeit schon häufiger - und spannender - gesehen, so zum Beispiel bei Calixto Bietos erschütternder Stuttgarter Inszenierung, die den Boom für eine neue Sichtweise auf die große romantische Oper scheinbar ausgelöst hat. Er sehe den auf dem Meer umherirrenden und nach Erlösung Suchenden als modernen Mann, der sich in einer "nachvollziehbaren Leidenssituation" befinde - definiert durch seinen Lebensstil, der nur das Anhäufen von Reichtum kennt, sagte Gloger vor der Premiere. Und er glaube an eine - wenn auch kurze - echte Liebesgeschichte zwischen Senta und dem Holländer. Ein Schiff - außer einer kleinen Nussschale - kam bei Gloger nicht vor.
Thielemann mit Tempo
Was dieser Inszenierung am Ende fehlte, war eine Spur Verwegenheit, ein Hauch mehr Leidenschaft. Der einzige Wind, der bei der Premiere der sturmumtosten Oper ausgelöst wurde, kam von einer Tischventilatoren-Fabrik, die statt einer Spinnstube für den Chor der wartenden Frauen herhalten musste. Sturm dagegen kam aus dem abgedeckelten Orchestergraben. Hier trieb Star-Dirigent Christian Thielemann die Partitur glasklar und atemberaubend voran. Mit Windstärke 8 bis 10 erzählte ein bestens aufgelegtes Festspiel-Orchester von einem Kapitän, der durch einen Fluch dazu verdammt ist, bis zum jüngsten Tag auf em Meer umherzuirren. Wogen von Applaus waren der Dank des Publikums für Dirigent und Musiker.
Samuel Youn konnte den überwältigenden Applaus des Publikums gar nicht fassen: Er kniete vor ihm nieder, faltete die Hände und verbeugte sich ganz tief. Noch nie hatte er in Bayreuth so eine große Rolle zu stemmen. Im vergangenen Jahr war er noch der Heerrufer im "Lohengrin". Wie immer bei den Festspielen der letzten Zeit wurde auch Chöre-Chef Eberhard Friedrich von der Berliner Staatsoper wieder für seine großartige Arbeit bejubelt. Und auch die neue Senta, Adrianne Pieczonka, konnte überzeugen, wenn auch im Laufe des Abends ihre Textverständlichkeit deutlich nachließ. Bühnen- und Kostümbildner hatte sich bei Glogers Inszenierung für 50 Nuancen von Grau entscheiden, nur Senta durfte mit einem roten Kleid leuchten.
Die beiden Festspiel-Chefinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, Urenkelinnen des Komponisten, hatte vor der Premiere schon einen Vorgeschmack auf die Inszenierungen der kommenden Jahre gegeben. Die spektakulärste dürfte 2016 mit dem "Parsifal" kommen, für den der exzentrische Künstler Jonathan Meese die Regie übernehmen wird. Auch bei dieser Produktion wird wieder Bayreuths heiß geliebter Star-Tenor Klaus Florian Vogt mit von der Partie sein. Bereits am 1. August beginnen die Vorproben für den "Ring des Nibelungen" in der Regie des Berliner Volksbühnen-Chefs Frank Castorf. Premiere hat diese mit Spannung erwartete Arbeit dann bei den Bayreuther Festspielen 2013.
dapd


