Nach seinem dramatischen Auftritt vor der UN-Vollversammlung hat Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu mit US-Präsident Barack Obama am Telefon über das iranische Atomprogramm beraten. Das Weiße Haus erklärte anschließend, Obama und Netanjahu seien sich einig, dass der Iran keine Atomwaffen erhalten dürfe. Die von Netanjahu geforderte "rote Linie" gegenüber Teheran wurde in der kurzen Erklärung nicht erwähnt.
Netanjahu hatte seine Forderung nach klaren Grenzen für das iranische Atomprogramm bei der UN-Generaldebatte am Donnerstag verdeutlicht, indem er mit einem roten Filzstift eine dicke Linie am oberen Ende der Zeichnung einer Bombe zog. "Nichts könnte unsere Zukunft mehr gefährden als ein Iran im Besitz von Atomwaffen", sagte der israelische Ministerpräsident.
Der Iran steht im Verdacht, unter dem Deckmantel eines zivilen Atomprogramms nach Nuklearwaffen zu streben. Israel fürchtet die Aussicht auf einen nuklear bewaffneten Iran besonders und erwägt einen Militärangriff auf iranische Atomanlagen. Teheran drohte erneut mit Vergeltung für den Fall eines Angriffs. Sein Land sei "stark genug, sich selbst zu verteidigen", sagte der stellvertretende iranische UN-Botschafter Eshagh al-Habib.
Das Vorpreschen Netanjahus hat zu Spannungen zwischen den engen Verbündeten Israel und USA geführt. Das Verhältnis zwischen Obama und Netanjahu gilt als sehr schwierig. Die US-Regierung hatte Medienberichte dementiert, dass Obama eine israelische Anfrage für ein Treffen im Weißen Haus oder am Rande der UN-Generaldebatte abgelehnt habe. Netanjahu telefonierte auch mit dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney.
Am Rande der UN-Generaldebatte trafen sich die fünf UN-Vetomächte und Deutschland, um über den Atomstreit zu beraten. An dem Treffen nahmen Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) und seine Kollegen aus den USA, China, Russland, Frankreich und Großbritannien teil. Die sogenannte 5+1-Gruppe forderte den Iran auf, Zweifel über sein umstrittenes Atomprogramm auszuräumen. Wie aus deutschen Delegationskreisen verlautete, vereinbarten die Teilnehmer, "mit größerer Intensität" an einer diplomatischen Lösung zu arbeiten.
In seiner Rede vor der UN-Vollversammlung kritisierte Westerwelle den Iran wegen seines Atomprogramms. Teheran bleibe "den Nachweis der ausschließlich friedlichen Absichten seines Nuklearprogramms weiter schuldig", sagte er. "Die Gespräche der letzten Monate haben uns einer Lösung nicht ausreichend näher gebracht." Der Außenminister sprach sich für eine "politische und diplomatische Lösung" aus, doch Teheran müsse dringend einlenken. "Ich appelliere an den Iran, nicht länger auf Zeit zu spielen", sagte er.


