WAS IHRE FREUNDE LESEN

    Ist doch nur Spaß?

    Anzügliche Blicke in der U-Bahn, ein Klaps auf den Po im Club, ein Anmachspruch, der unter die Gürtellinie geht - sexuelle Belästigung hat viele Facetten. Frauen - und Männer -, die sich in einer solchen Situation wiederfinden, sind häufig zu überrumpelt, um auf den Angriff zu reagieren. Danach stellen sich nicht selten Wut, Scham oder Schuldgefühle ein, und nur wenige Betroffene vertrauen sich jemandem an - erst recht, wenn aus der Belästigung Missbrauch wurde. Die Social-Media-Aktion #ichhabnichtangezeigt, die noch bis zum 31. Mai läuft, will Opfer ermutigen, ihre Geschichten zu erzählen - und in der Öffentlichkeit und bei Behörden ein stärkeres Bewusstsein für die Thematik schaffen.

    Über das Portal ichhabnichtangezeigt.wordpress.com sowie über die zugehörigen Twitter- (twitter.com/#!/nichtangezeigt) und Facebook-Accounts (www.facebook.com/ichhabnichtangezeigt) haben Missbrauchsopfer die Möglichkeit, anonym von dem zu berichten, was ihnen widerfahren ist. Die oft schockierenden Beiträge sind öffentlich lesbar und geben teilweise einen tiefen Einblick in das Seelenleben der Betroffenen. Texte, die zu detailliert ausfallen oder Täter beim Namen nennen, werden jedoch gekürzt beziehungsweise nicht veröffentlicht - weder sollen Personen öffentlich angeprangert, noch sollen Leser, die Ähnliches erlebten, retraumatisiert werden.

    Wie sich Missbrauch auf die Betroffenen auswirkt und in welcher Form Traumata - wenn überhaupt - behandelt werden können, erklärt der Auftritt www.missbrauch-opfer.info. Zudem bietet das Portal ausführliche Informationen zur Rechtslage und gibt Eltern und Kindern wertvolle Tipps zur Prävention von Missbrauch. Auch das Thema "Missbrauch an Behinderten" wird ausführlich behandelt. Eine umfangreiche Liste bundesweiter Anlaufstellen für Missbrauchsopfer rundet das Angebot ab.

    Eine dieser Anlaufstellen ist der "Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe" (bff, www.frauen-gegen-gewalt.de). Neben einer Liste von Notrufnummern und Beratungsstellen, die sich auf der Site findet, wird auch spezifische Gewalt gegen Frauen näher erläutert. Der Verband geht detailliert auf die Merkmale häuslicher Gewalt ein und erklärt, woran Stalking erkennbar ist und was man unter sexueller Belästigung versteht.

    Hier kann die Grenze unter Umständen fließend sein: Während die eine Frau Pfiffe möglicherweise tatsächlich als Kompliment auffasst, fühlt sich die andere durch so eine Anmache bereits angegriffen. Wer Belästigungen auf der Straße erlebt hat, kann davon auf dem Portal "Hollaback!" ("Brüll zurück!") berichten. Die Idee zu der Initiative stammt von einigen New-Yorkerinnen und ist inzwischen auch in Berlin angekommen (berlin.ihollaback.org).

    Die auf der Site geschilderten Situationen dürften vielen Frauen bekannt vorkommen: Der verschmähte Party-Flirt wird ordinär und ausfallend, Wildfremde werden auf offener Straße körperlich übergriffig, Männer werfen mit Anzüglichkeiten um sich. Auf dem Berliner Ableger der Website schildern mittlerweile nicht nur Hauptstädterinnen ihre Erlebnisse, sondern Frauen aus ganz Deutschland. Wird in ihrem Posting ein Ort genannt, vermerken ihn die Webmasterinnen auf der "harassment map", einer Landkarte, die die Orte sexueller Belästigungen anzeigt. Außerdem geben sie Ratschläge, wie man auf Belästigungen in der Öffentlichkeit reagieren und wie eine Intervention aussehen kann: Beispielsweise macht es Sinn, sich mit dem Opfer zu solidarisieren und so den Tätern zu zeigen, dass ihr Verhalten unangemessen ist. Denn keine Frau muss es sich bieten lassen, zum Objekt degradiert und (sexuell) beleidigt zu werden.

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