WAS IHRE FREUNDE LESEN

    Kranke Kinder brauchen Zuwendung und Streicheleinheiten

    Vogt/Ottobrunn (dapd). Ob Ohrenschmerzen, Bauchweh, Fieber oder Windpocken: Wenn das Kind krank ist, fällt die ganze Familie in einen Ausnahmezustand. "Kranke Kinder leiden nicht nur körperlich durch die Krankheitssymptome, sondern sind auch seelisch bedürftiger", sagt Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Autor aus Vogt im Allgäu. So sei es keine Seltenheit, dass auch schon größere Kinder wieder in alte Kleinkinder-Gewohnheiten fallen, sehr anlehnungsbedürftig und kuschelig werden: "Damit drücken sie ihr Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung aus, das natürlich besonders groß ist, wenn man krank ist", erklärt der Experte.

    Für berufstätige Eltern ist es oft gar nicht so leicht, dem Chef klarzumachen, dass das Kind krank ist und man deshalb zu Hause bleiben muss: "Eltern sollten aber unbedingt zusehen, sich zumindest abwechselnd freistellen zu lassen", sagt Renz-Polster. "Kranke Kinder brauchen einfach feste Bezugspersonen, die für sie da sind und sich kümmern." In akuten Krankheitsphasen seien Mama und Papa meistens sowieso die Nummer 1. Natürlich könnten auch Oma oder Opa oder die Patentante stunden- oder tageweise für die Betreuung eingesetzt werden: "Dann sollte die Beziehung aber vertraut und das Kind damit einverstanden sein."

    "Wer krank ist, gehört ins Bett" - diese Weisheit aus dem Volksmund sei nur bedingt richtig, sagt der Kinderarzt. Während fiebernde oder sehr müde Kinder sich in der Regel von ganz allein ins Bett verkrümeln oder vielleicht noch wünschen, dass Mama oder Papa sich dazu setzen, fänden Kinder, denen es schon etwas besser geht, das Liegen im Bett oft viel zu langweilig. "Grundsätzlich ist es auch völlig in Ordnung, wenn das Krankenlager tagsüber im Wohnzimmer aufgeschlagen wird", sagt Renz-Polster. "Allerdings sollte dann dort nicht den ganzen Tag der Fernseher laufen, denn kranke Kinder brauchen Ruhe." Gegen eine ausgewählte Kindersendung ab und zu spräche aber nichts.

    Erwachsene kennen das auch: Wenn man sich nicht wohlfühlt oder krank ist, versagt der Appetit. "Es schadet dem Kind nicht, wenn es ein paar Tage lang weniger isst als sonst", sagt Ursula Keicher, Kinderärztin aus Ottobrunn. Eltern sollten das Kind auf keinen Fall zum Essen zwingen und auch nicht mit randvollen Tellern vorm Bett sitzen: "Bieten Sie Ihrem Kind nur sehr leicht verdauliche Speisen an und diese in kleinen, übersichtlichen Portionen." Ob Zwieback, klein geschnittener Apfel, Banane oder ein kleiner Teller Hühnersuppe: "Berücksichtigen Sie die Vorlieben des Kindes und richten Sie das Essen besonders liebevoll sein." Eine kleine Überraschung auf dem Teller oder eine lustige Verzierung, zum Beispiel ein Brot mit einem Gesicht aus Paprikaschnitz und Gurkenaugen, fördert den Appetit.

    Auch wenn Eltern beim Thema Essen locker bleiben sollten, das Trinken dürfe nicht vergessen werden, sagt Kinderärztin Keicher: "Geben Sie Ihrem Kind regelmäßig Wasser oder Früchtetee." Für den besseren Geschmack dürfen die Getränke etwas gesüßt sein, zum Beispiel mit einem Schuss Fruchtsaft oder etwas Traubenzucker. "Wenn das Kind keinen Durchfall hat, ist auch verdünnter Fruchtsaft in Ordnung." Sogar Limonade sei besser, als überhaupt nichts zu trinken. Renz-Polster warnt aber eindringlich davor, die Kinder zum Trinken zu zwingen: "Das bringt nichts, führt im Zweifel nur zu einer Verweigerungshaltung." Besser sei es, immer wieder Flüssigkeit anzubieten und das möglichst spielerisch - mit einem schicken neuen Trinkbecher, einem tollen Strohhalm oder Eiswürfeln.

    Nachts im Elternbett schlafen dürfen, tagsüber von Mama und Papa verwöhnt werden: "Diese innige Form der Zuneigung fördert ganz massiv die Heilung", glaubt Renz-Polster. Zur Therapie - auch gegen die Langeweile - gehörten Kuschel- und Schmusestunden, Füße massieren und Rücken kraulen, Vorlesen und Geschichten erzählen, Trost spenden und einfach da sein. "Es tut dem Kind einfach unendlich gut, wenn es spürt, dass die Eltern sich besonders liebevoll mit ihm beschäftigen", davon ist auch Ursula Keicher überzeugt. Denn: "Liebe ist die beste Medizin, die man einem kranken Kind verabreichen kann."

    dapd

    Quizaction