Lange Schlangen vor den Wahllokalen: In Ägypten kehrt der Glaube an den geordneten Weg in eine Demokratie zurück. Die Präsidentschaftswahl erfüllt die Menschen mit Stolz und eint sie.
Schon am frühen Mittwochmorgen ist es drückend heiß in Kairos Straßen. Trotzdem zieht sich vor den Türen der Kunstschule im noblen Stadtteil Zamalek eine lange Schlange den Bürgersteig entlang.
Die Menschen stehen geduldig an, um hier ihre Stimme abzugeben. Sie wissen, dass sie Stunden brauchen werden, um ihr Kreuzchen zu machen. Trotzdem halten sie durch. Sie drücken sich in den Schatten der alten Bäume, die den Bürgersteig säumen, und hoffen auf etwas Abkühlung.
Wer alleine gekommen ist, liest in einem Buch oder hört Musik. Viele haben sich kleine Klappstühle mitgebracht.
Mehr als 50 Millionen Ägypter waren in den vergangenen zwei Tagen aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Zum ersten Mal in der 5000-jährigen Geschichte des Landes durften die Ägypter zwischen elf Kandidaten frei wählen. Viele erhoffen sich 13 Monate nach dem Sturz Husni Mubaraks von dieser Wahl einen Neuanfang für die Nilrepublik.
Der zukünftige Präsident muss das Land befrieden, stabilisieren und versöhnen. Ein starker Mann muss es sein, der die dringendsten Probleme – Sicherheit, Arbeitslosigkeit, Bildung – sofort angeht.
Als Diaa Maher aus dem Wahllokal in Zamalek tritt und sich die tropfende Tinte vom kleinen Finger wischt, schaut er zufrieden. Der 58-jährige Manager hat für Ahmed Schafik gestimmt, den letzten Premierminister unter Mubarak.
"Ägypten braucht einen Mann mit Erfahrung, jemanden, der etwas aggressiv ist und einen starken Charakter hat", sagt Maher, während er die grünen Kugeln seiner Sibha, der muslimischen Gebetsperlenkette, in seiner Hand dreht. Dass Schafik ein "Feloul", ein Mann des alten Regimes ist, wie es ihm die Revolutionäre vorwerfen, lässt Maher nicht gelten. "Man kann doch nicht jeden, der Teil dieses Regimes war, verurteilen."
Für die Revolutionäre aber sind weder Schafik noch Amr Mussa, Ex-Außenminister unter Mubarak und Ex-Chef der Arabischen Liga, wählbar. In ihren Augen sind sie das Schlimmste, was dem Land passieren könnte. Am ersten Wahltag gab es mehrere Demonstrationen gegen die beiden alten Männer des Regimes, und Schafik wurde sogar angegriffen.
Auf der anderen Seite des Nils, ein paar Kilometer von Zamalek entfernt, stehen Hunderte Frauen in der sengenden Hitze vor einem Wahllokal. Kein Baum säumt hier die große, staubige Hauptstraße. Imbaba ist eines der ärmeren Viertel der 20-Millionen-Metropole.
Hier leben die einfachen Ägypter, die tagsüber auf der anderen Seite des Nils die reichen Ägypter bedienen und ihre Wohnungen putzen und abends in ihre bescheidenen Unterkünfte zurückkehren. Um sich vor der Maisonne zu schützen, halten sich die meisten ein Stück Karton über den Kopf.
Auch sie wissen, dass es Stunden dauern kann, bis sie von den Wahlhelfern und Soldaten, die den Ablauf der Wahlen regeln, in die Station gelassen werden. Doch sie halten aus.
"Wir haben überall Warteschlangen in diesem Land, wir sind daran gewöhnt", sagt Fatma Hamouda. Die 30-jährige Lehrerin hat schon ihre Stimme abgegeben. "Wir stehen täglich Stunden für Brot an, um Gas zu bekommen oder Benzin, das ist ein Problem. Aber hier zu stehen ist gut, es ist eine Ehre." Ihre Stimme wird mit jedem Wort lauter, leidenschaftlicher.
"Schaut euch diese Frauen an", ruft sie erregt. "Die meisten können nicht lesen und schreiben, aber sie nehmen ihr Recht wahr, ihre Stimme abzugeben."
An der Misere der Ägypter seien Mubarak und seine Mitstreiter schuld, sie hätten die Verantwortung dafür zu tragen, dass so viele Ägypter keine Bildung hätten, keine Arbeit, das totale Chaos im Lande herrsche. "Aber wir sind gekommen, um das zu ändern, wir haben keine Angst mehr."
Mittlerweile ist ihr Gesicht unter dem weißen Kopfschleier rot angelaufen, kleine Schweißperlen stehen ihr auf der Stirn. Andere Frauen klopfen ihr auf die Schulter, versuchen, sie zu beruhigen. Wen sie gewählt hat, will sie nicht sagen. "Einen Mann, den ich mit meinem Gewissen vereinbaren kann. Mehr sage ich dazu nicht, denn ich will die Frauen hier mit meiner Wahl nicht beeinflussen."
Dass es so etwas wie ein Wahlgeheimnis gibt, mussten die Ägypter wie vieles andere erst lernen. Aber sie haben schnell gelernt und machen von ihren Rechten Gebrauch. Auch die Wahl selber verlief wesentlich geregelter als noch die Parlamentswahl im November. In den Wahlstationen herrscht Ruhe.
Der Vorsitzende Richter, in vielen Fällen auch eine Richterin, überwacht den Ablauf, teilt die Wahlzettel aus und kontrolliert die Identifikationsnummer. Auch die Wahlurnen sind professioneller. Statt der alten Holzkisten stehen nun in jeder Station große Plastikboxen, die von allen vier Seiten mit Siegeln verschlossen sind.
Wenn die Box voll ist, kommt ein fünftes Siegel um den Verschluss des Deckels. Die Siegel tragen jeweils eine Seriennummer, die vom Vorsitzenden Richter notiert wird. So soll Wahlfälschung vorgebeugt werden.
In jedem Wahllokal sitzen Beobachter der Kandidaten, um Wahlmanipulation zu verhindern. Sarifa Tamer ist eine solche Beobachterin in einer Schule in Muhandessin, einem Stadtteil im Westen der Stadt. Sie gehört zur Kampagne des Muslimbruders Mohammed Morsi, der zu den Favoriten zählt.
Sie sitzt seit acht Uhr am Morgen hier und geht erst, wenn am Abend die Türen der Station geschlossen werden. Da der Ansturm nach Sonnenuntergang erwartet wird, sind die Wahllokale teilweise bis 21 Uhr geöffnet. "Alles läuft sehr gut, wir hatten bisher nichts zu beanstanden", sagt die 36-Jährige. Vor allem eines macht sie glücklich: "Niemand weiß, wer diese Wahl gewinnen wird, und das ist ein gutes Gefühl."
Eine Prognose wagt niemand. Nur so viel: Es gibt fünf Favoriten. Zwei von ihnen werden wohl in die Stichwahl am 16. und 17. Juni ziehen.


