Einer sieht aus wie der andere: Menschen, die von Prosopagnosie betroffen sind, tun sich schwer, Gesichter voneinander zu unterscheiden. Die Wahrnehmungsschwäche ist weiter verbreitet, als bislang angenommen, das zeigen aktuelle Studien. In Deutschland sollen etwa zwei Millionen Menschen betroffen sein.
Sandra O’Connor aus Edinburgh sieht ihre Tochter Beki täglich. Doch wenn die Mutter die 24-Jährige beschreiben soll, muss sie nachdenken. O’Connor leidet an Prosopagnosie, auch „Gesichtsblindheit“ genannt. Die Wahrnehmungsstörung wird vererbt, kann aber auch in Folge von Erkrankungen wie einem Schlaganfall auftreten.
Betroffene können Gesichter nicht wieder erkennen. Ihren Mann in einer Menschmenge ausfindig zu machen – für die 50-Jährige eine schier unlösbare Herausforderung. Selbst ihr eigenes Gesicht erkennt die Frau nicht. „Ich sehe meine Gesichtszüge zwar eindeutig. Aber ich nehme das Gesicht nicht als ein vertrautes, als meines wahr“, so O’Connor gegenüber der britischen Tageszeitung „Daily Mail“. Alles, was sie beim Blick in den Spiegel sehe, sei eine gewöhnliche Frau mittleren Alters, die sie anstarrt. „Wenn ich gemeinsam mit mehreren Frauen in den Spiegel blickte, könnte ich nicht mit Sicherheit sagen, welches Gesicht meins ist.“
Etwa eine Million Briten seien von dem Leiden betroffen, berichtet die „Daily Mail“. In Deutschland leiden nach Angaben des Portals „Augenlasern-Zentrum“ sogar zwei Millionen an der Krankheit. Nach aktuellem Stand ist Prosopagnosie nicht heilbar. Betroffene müssten lernen, mit der Erkrankung zu leben, heißt es auf dem Portal.
Lange galt die Wahrnehmungsschwäche als seltenes Phänomen. „Zuerst dachten wir, Prosopagnosie sei unglaublich selten“, zitiert die Zeitung Dr. Sarah Bate, Psychologie-Dozentin an der Bournemouth University. Als sie für eine Studie nach betroffenen Testpersonen suchte, erhielt sie jedoch zahlreiche Rückmeldungen. 700 Menschen hätten sich gemeldet und „alle wollten untersucht werden“. Bate und ihr Forscherteam gehen davon aus, dass etwa zwei Prozent der britischen Bevölkerung bis zu einem gewissen Grad an Gesichtsblindheit leiden. Männer und Frauen seien gleichermaßen betroffen. Prominente Beispiele sind Prinzessin Victoria von Schweden und der britische Dramatiker Tom Stoppard, die angeblich beide an der Störung leiden.
Lesen Sie auch: Nach Stimmverlust durch "seltenste Krankheit der Welt": Zwillinge können wieder sprechen
Problematisch sei, dass Ärzte mit der Erkrankung oft nicht vertraut seien, sagt Bate. Auch von Schulen oder im Berufsleben gebe es zu wenig Unterstützung. Ähnliche Erfahrungen erlebte auch O’Connor. Schon zu Schulzeiten habe ihr die Erkrankung das Leben schwer gemacht: „Ich habe die meiste Zeit damit verbracht, mein Klassenzimmer zu suchen, da ich die anderen Kinder und Lehrer nicht erkannte.“
„Die Menschen reagieren genervt"
Wegen ihrer Störung habe sie keine Freunde. „Die Menschen reagieren genervt, wenn ich sie zum fünften oder sechsten Mal nach dem Namen frage. Und sie sind beleidigt, wenn ich sie nicht beachte, nachdem wir gut miteinander auskamen.“ Ihren Mann Derek lernte sie in den frühen 80er Jahren per Funkkommunikation kennen. „Das war perfekt – sozialer Kontakt ohne Gesicht.“ Das Paar ist seit 27 Jahren verheiratet und hat zwei Kinder. Fotos ihrer Familie hängen überall in ihrem Haus, damit O’Connor sich ihre Gesichter einprägen kann. Trotzdem ist es nicht einfach, den Alltag mit der Krankheit zu meistern.
Das weiß auch Sara Wingman. Die 29-Jährige aus dem englischen Cheltenham setzt beim Erkennen auf ihren Hörsinn. Bei Familientreffen reagiere sie zunächst immer zögerlich, wenn sie jemand begrüßen will, erzählt sie der „Daily Mail“. Erst wenn sie eine vertraute Person an der Stimme erkennt, verliert sie ihre Zurückhaltung. Auch hilft es ihr, sich im Zusammenhang mit einem Bekannten andere Charakteristika einzuprägen. „Ich habe gelernt, einen Kollegen anhand seines Schreibtischs, Hemds und der Hautfarbe zu erkennen.“ Wenn dieser jedoch Platz, Kleidung und Frisur wechselt, sei sie aufgeschmissen.
Leidensgenossin Valerie Haden aus Nordwales hat ihren eigenen Weg gefunden, die Krankheit im Alltag in den Griff zu bekommen. Sie lächle einfach und sage zu allen „Hallo“. „So komme ich mit der Prosopagnosie zurecht“, erklärt die 65-Jährige. „Und so habe ich gelernt, glücklich zu sein.“
Sehen Sie auch:
Gebärmutter-Transplantation


