Die Rolling Stones sind nicht nur eine der erfolgreichsten Gruppen der Rockgeschichte, sondern vielleicht auch die unverwüstlichste. Am 12. Juli feiern Mick Jagger, Keith Richards und ihre Mitstreiter ihr 50. Bandjubiläum – und noch heute hält jeder öffentliche Auftritt, jedes noch so vage Gerücht über eine Tour der betagten Herren die ganze Welt in Atem. Was ist bloß ihr Geheimnis? Pop-Experte Joachim Hentschel ist für uns der Frage nachgegangen, wie man zur Band ohne Verfallsdatum wird.
Es sollte natürlich nur ein Scherz sein, was Nina Hagen im Sommer 1982 den ARD-Fernsehzuschauern zurief. Die Punkrockerin war für die Jubiläumssendung „Rolling Stones – die ersten 20 Jahre“ als Ansagerin verpflichtet worden – und verabschiedete sich am Ende mit den Worten: „Schalten Sie auch 2002 wieder ein, wenn es heißt: Rolling Stones, die zweiten 20 Jahre!“
Jetzt, am 12. Juli 2012, feiern die Rolling Stones – derzeit: Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood – schon ihren 50. Band-Geburtstag. Ein Alter für eine aktive Rockgruppe, das man Anfang der 80er-Jahre noch für völlig unvorstellbar gehalten hätte. Zu viele Todesfälle (Jim Morrison, Jimi Hendrix, Marc Bolan) hatten hoffnungsvolle Karrieren vorzeitig beendet. Auch die Beatles hatten es nur rund zehn Jahre miteinander ausgehalten. Das hat sich längst geändert: Heute sind die Konzertkalender voll mit alten, faltigen Helden. Eine ganze Industrie verdient ihre Dollars mit den Hits von früher.
Stones-Sänger Mick Jagger, 68, hat kürzlich im Interview mit dem englischen „Daily Mirror“ zugegeben, am Anfang hätte keiner der Musiker geglaubt, der „Popmusik-Streich“ namens Rolling Stones würde länger als fünf Jahre halten. Nach einem halben Jahrhundert, rund 200 Millionen verkauften Alben und 40 Tourneen klingt das kokett – aber wahrscheinlich ist es wahr. Als die kleine Band im Juli 1962 die überraschende Chance bekam, im coolen Marquee Club aufzutreten, war Jagger selbst 18. Er probte mit den Freunden ab und zu in einem Londoner Pub. Nicht einmal einen Namen hatten Mick und seine damals fünf Mitstreiter – fürs Plakat mussten sie extra einen erfinden.
Die Rollin’ Stones (am Anfang noch ohne G) schafften es nach ihrem Debüt am 12. Juli 1962 aber schnell, sich einen exzellenten Ruf in der englischen Blues- und Rockszene zu erspielen. Die Jungs seien besonders ehrgeizig und zielstrebig gewesen, erinnern sich Zeugen und Mitbewerber von früher. Welthits wie „Satisfaction“, „Let’s Spend The Night Together“ oder „Paint It Black“ waren nur noch eine Frage der Zeit.
Aber wie konnten die Stones so lange durchhalten? Grund eins, wie eben schon angedeutet: Die Band hatte von Anfang an gewaltigen Ehrgeiz. Die höflichen Umgangsformen, die heute bei Gruppen wie Coldplay selbstverständlich sind, kamen nie in Frage für Mick Jagger und Co. – entsprechend gnadenlos war man auch zu sich selbst. Punkt zwei: Die Stones waren immer bestens vernetzt, ließen sich von Experten wie Country-Rebell Gram Parsons oder Reggae-König Peter Tosh inspirieren, übergaben das Design ihrer Plattencover an Andy Warhol. Nie haben sie im eigenen Saft geschmort, immer waren sie ein offenes System. Dass die Stones Ende der Siebziger sogar ihre Disco-Phase hatten, in der Mick Jagger so hoch wie Michael Jackson sang, verziehen die Fans Ihnen – immerhin wurden es nie langweilig mit dieser Band.
Punkt drei: Ihre Konflikte haben die Stones-Mitglieder immer offen und ungezwungen ausgetragen – ohne sich zu sehr darum zu scheren, was die Öffentlichkeit denken könnte. Am berüchtigtsten sind die Kämpfe zwischen den Bandköpfen Mick Jagger und Keith Richards, die Mitte der 80er-Jahre ihren Höhepunkt erreichten. Jagger arbeitete an einer Solokarriere, Gitarrist Richards fühlte sich hintergangen. Im Musikvideo zu „One Hit (To The Body)“ von 1986 kann man die Aggression sogar direkt beobachten, wenn die zwei für die Kamera eine Schlägerei spielen – und das Ergebnis etwas zu echt aussieht. Erst 2010 gab es wieder Krach, als Keith Richards in seiner Autobiografie „Life“ Intimitäten über Jagger auspackte, unter anderem über seinen angeblichen kleinen Penis spottete. Kurz darauf wurde dann wieder öffentlich Frieden geschlossen – wie bisher jedes Mal. Negative Gruppendynamik kennen die Stones nicht. Weil sich in 50 Jahren nie etwas heimlich anstauen konnte.
Daher ist die Hoffnung groß, dass die Jubilare mindestens noch einmal auf Tournee kommen. Die letzte fand im Sommer 2007 statt, Gerüchte um eine Konzertreise 2012 wurden jedoch schon Anfang des Jahres vom Tisch gewischt. Quellen aus dem Umfeld der Band sagten, dass Keith Richards, 68, derzeit nicht fit genug für eine Mega-Tour sei. Dennoch ist 2013 noch als Termin im Gespräch. Und eine Altergrenze gibt es nicht. Erst vor kurzem trat Stones-Gitarrist Ron Wood in London mit dem Blues-Sänger B.B. King auf – der bald 87 Jahre alt wird. In diesem Sinn spricht nichts dagegen, dass wir bald „Rolling Stones – die dritten 20 Jahre“ feiern.
Joachim Hentschel
Rolling Stones: Die Band ohne Verfallsdatum
Yahoo! Nachrichten – Mi., 11. Jul 2012Werden Sie ein Fan von Yahoo! Nachrichten auf Facebook
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