In Sachen Außenpolitik vertrauen mehr US-Bürger Amtsinhaber Obama als seinem Herausforderer Romney. Vor seiner Auslandsreise erklärt der, was er als US-Präsident anders machen würde.
Im Olympiastadion in London wird Mitt Romney am Freitag die Eröffnungsfeier der 30. Sommerspiele miterleben. Daheim in den USA können Fernsehzuschauer den republikanischen Präsidentschaftskandidaten aber schon seit Mittwoch in einem sarkastisch-bösen Wahl-Spot im Zeichen der fünf Ringe sehen.
Darin winkt Romney, der 2002 erfolgreich die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City managte, ganz bestimmten Delegationen bei ihrem Einzug ins Stadion begeistert zu, und eine Stimme aus dem Off erläutert seine angeblichen Verfehlungen: Romney habe als Chef der Private-Equity-Firma Bain Capital "Tausende Arbeitsplätze" nach China und Indien ausgelagert. In Birma (Myanmar) habe der "Outsourcing-Pionier" vor zehn Jahren die amerikanischen Uniformen für die Eröffnungs- und Abschlusszeremonie fertigen lassen.
Er unterhalte Millionen-Konten in Bermuda und auf den Cayman-Inseln. Als die Athleten aus der Eidgenossenschaft einziehen, ätzt der Sprecher: "Wir wissen, die Schweizer haben einen besonderen Platz in Mitt Romneys Brieftasche, äh… Herz." Anzüglicher Schlusssatz in dem von einem Komitee zur Wiederwahl von Barack Obama verantworteten Spot: "Man kann über Mitt Romney sagen: Er weiß, wie man Gold holt – für sich selbst."
Die Tradition verbietet es, im Ausland schlecht über politische Kontrahenten, zumal den Präsidenten, zu reden. Darum wird Romney von London aus und den beiden anderen Stationen seiner sechstägigen Auslandsreise, Israel und Polen, nur begrenzt zurücksticheln können. Aber immerhin rechnete der Kandidat fürs Weiße Haus kurz vor seinem Abflug nach Großbritannien kräftig mit der Außenpolitik des Amtsinhabers ab.
Präsident Obama habe im Umgang mit anderen Nationen "Vertrauen geschenkt, wo es nicht angemessen ist, Kränkung, wo sie nicht verdient war, und um Entschuldigung gebeten, wo das nicht nötig war", sagte Romney am Dienstag in einer Rede vor Veteranen in Reno, Nevada.
Romneys schärfster Vorwurf: Aus dem Weißen Haus seien als geheim klassifizierte Informationen gestreut worden, um Obama als harten Kämpfer gegen den Terrorismus zu profilieren. Das bezog sich auf Details zu Drohneneinsätzen gegen Al-Qaida-Terroristen und zum amerikanisch-israelischen "Cyberwar" mit hochentwickelten Computer-Viren gegen iranische Atomanlagen. "Das verrät unser nationales Interesses", sagte Romney und verlangte eine Untersuchung der auch von demokratischen Politikern kritisierten Vorgänge durch einen unabhängigen Ermittler.
In London, Danzig und Jerusalem, "drei Leuchttürmen der Freiheit", wie Romney seine Reiseziele charakterisierte, will der Kandidat während der "Hör-und-Lern-Reise" globale Trittsicherheit demonstrieren. Auf dem Terminplan sollte eigentlich auch ein Treffen mit Angela Merkel in Berlin stehen. Aber die Bundeskanzlerin ließ dem Kandidaten absagen, weil sie am Mittwoch von Bayreuth aus in den Urlaub nach Südtirol, Salzburg und schließlich in die Uckermark aufbrach.
Außenpolitische Kompetenz ist in aller Regel nicht kriegsentscheidend im US-Wahlkampf – zumal in einer Zeit, in der die Wirtschaft schwächelt und die Arbeitslosigkeit nur im Zeitlupentempo schrumpft. Nach einer Umfrage von NBC News und "Wall Street Journal" vom Dienstag führt Romney mit 43 zu 36 Prozent klar vor Obama auf dem wichtigen Feld der Wirtschaftskompetenz. Doch bei der Frage, wer der bessere "Commander-in-Chief", also der für die nationale Sicherheit verantwortliche Oberbefehlshaber wäre, hält Obama mit 45 zu 35 Prozent einen ebenso deutlichen Vorsprung.
Auch der bessere Außenpolitiker ist der Präsident nach Ansicht der Wähler. Dort stellt er mit 52 zu 40 Prozent Romney in den Schatten, ermittelten soeben "USA Today" und das Gallup-Institut. Bei der Frage nach den grundsätzlichen Wahlabsichten führt Obama im Durchschnitt der relevanten Institute hingegen nur knapp mit 46,4 zu 44,6 Prozent.
Romney muss also auf Gebieten außerhalb der Wirtschaft Boden gut machen. Deswegen greift er den Präsidenten seit Monaten mit außenpolitischen Themen an. Zu seinen Vorwürfen gehört, dass die öffentliche Ankündigung des Truppen-Abzugs aus Afghanistan bis Ende 2014 ein Fehler gewesen sei. Im Falle seiner Wahl werde er die Afghanistan-Politik überprüfen, kündigt Romney an. Den Abzugstermin will er allerdings nicht in Frage stellen.
Ähnlich vage bleibt die Kritik des Kandidaten bei anderen Themen. Russland etwa sei "unser geopolitischer Herausforderer Nummer 1", sagte Romney im März. Und er will die von Obama ohnehin nur mittelmäßig erfolgreich gestartete Neuprogrammierung des bilateralen Verhältnisses, das "Reset", nach seiner Wahl stoppen. Bei seinem Treffen in Danzig mit Lech Walesa, dem Helden der "Solidarnosc"-Revolution 1980 gegen die kommunistische Herrschaft in Polen, dürfte Romney auf das Thema Russland zurückkommen.
Doch was nach Wiederbelebung des Kalten Krieges klingt, darf deutlich nüchterner als Buhlen um konservative Wähler verstanden werden. Romney hat sich mit einer beeindruckenden Phalanx kluger Denker umgeben, die ihn außenpolitisch beraten. Dazu gehören auch von Obama geachtete Experten wie der Publizist Robert Kagan, der ehemalige CIA-Chef Michael Hayden und Michael Chertoff, 2005 bis 2009 Minister für Heimatschutz unter George W. Bush. Das gesamte Tableau deutet auf weitgehende außenpolitische Kontinuität hin, wie es bei Machtwechseln in den USA ohnehin die Regel ist.
Gleichwohl wird es Unterschiede im Detail geben. Während Obama, der Jahre seiner Kindheit in Indonesien verbrachte, sich als "erster pazifischer Präsident" der USA versteht und den seit gut 30 Jahren diskutierten Fokuswechsel Washingtons vom Atlantischen zum Pazifischen Ozean umsetzen will, dürfte sich der lautstarke China-Kritiker Romney wieder stärker den Europäern zuwenden.
Zwar betrieb der Kandidat in den Vorwahlen kräftiges "Europe-bashing". Doch auch das war offenkundig der Basis geschuldet. "Ich bin überzeugt, dass es unter Romney bessere transatlantische Beziehungen als gegenwärtig gäbe", sagte Berater Robert Kagan der "Welt".
Gute Chancen, gewisse eigene Akzente zu setzen, hat Romney in der Nahost-Politik. Er will am Sonntag in Jerusalem mit Israels Premierminister Benjamin Netanjahu frühstücken und danach unter anderem Salam Fayyad treffen, den Ministerpräsidenten der Palästinensischen Autonomiegebiete.
Washingtons Verhältnis zu Jerusalem ist angekratzt, seitdem Obama beim Versuch, der islamischen Welt die offene Hand anzubieten, öffentlich und apodiktisch die Einstellung des israelischen Siedlungsbaus als Vorleistung für neue Verhandlungen forderte.
Dennoch stehen die jüdischen Wähler in den USA mit 64 zu 29 Prozent mehrheitlich hinter Obama, ermittelte Gallup. Allerdings waren es bei der Wahl vor vier Jahren noch 74 Prozent. Romney dürfte in Jerusalem versuchen, diesen Vorsprung durch deutliche Warnungen vor dem iranischen Atomprogramm und eindeutige Solidaritätsbekundungen zu Israel vor dem Hintergrund der Umbrüche in Ägypten und Syrien weiter auszuhöhlen.
Aber selbst in der Iran-Politik sind die Unterschiede zwischen Romney und Obama rhetorischer Natur: Beide schließen Militärschläge nicht aus, aber beide ziehen eine diplomatische Lösung vor.


