WAS IHRE FREUNDE LESEN

    "Verbunden, ob wir wollen oder nicht"

    Corcoran/USA (dapd). Mit einem ungeheuerlichen Verbrechen begann am 9. August 1969 für zwei naive 17-jährige Mädchen die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. An jenem Abend überfielen und ermordeten vier Anhänger des charismatischen Sektenführers Charles Manson in Hollywood die Schauspielerin Sharon Tate, die hochschwangere junge Frau des Regisseurs Roman Polanski, und vier ihrer Freunde. Am nächsten Abend brachten die Mitglieder der von Drogen und Gewalt faszinierten Hippiekommune noch den Unternehmer Leno LaBianca und seine Frau um. Das Gemetzel ging als die Tate-LaBianca-Morde in die US-amerikanische Kriminalgeschichte ein; der Name Charles Manson wurde zum Inbegriff des unvorstellbar Bösen.

    Wer wüsste das besser als Sharons jüngere Schwester Debra Tate und Barbara Hoyt, die damals zu der Clique um Manson gehörte und deren Aussage dazu beitrug, die Mörder ins Gefängnis zu bringen. "Wir haben eine Menge gemeinsam", sagt Hoyt, die Krankenschwester wurde und inzwischen in Rente ist. "Sie war mir eine große Hilfe." Tate sagt: "Sie sorgt dafür, dass ich den Kopf hoch halte, und ich tue dasselbe für sie." Das ehemalige Mitglied der "Manson-Familie" und das letzte noch lebende Mitglied der Familie Tate, beide heute um die 60, haben in ihrem langen Kampf für die Bestrafung der Täter zusammengefunden.

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    Beide sagten wiederholt bei Anhörungen über eine Freilassung Mansons auf Bewährung gegen ihn aus. Beide Frauen berichten, dass sie noch heute von Fans der Mördersekte bedroht werden - Rassisten zumeist, die begeistert sind von Mansons Wahn, durch Mordanschläge auf die weiße Ober- und die schwarze Unterschicht einen Rassenkrieg anzuzetteln. Noch heute vergeht kein Tag, an dem Hoyt sich nicht mit dem Leid quält, das Manson und ihre früheren Freunde angerichtet haben. "Wir sind durch dieses Geschehen verbunden, ob wir wollen oder nicht", sagt sie über Tate, die heute eine Opferhilfe leitet. "Sie versteht mich, und ich verstehe ihren Hintergrund."

    Hoyt hat nie für Manson ein Verbrechen begangen. Ihre Aussage führte mit dazu, dass der Sektenführer und vier Gefolgsleute 1971 zum Tod verurteilt wurden. Als Kalifornien im Jahr darauf die Todesstrafe abschaffte, wurde die Strafe in lebenslange Haft umgewandelt, und die Verurteilten konnten in Abständen eine Freilassung auf Bewährung prüfen lassen. Da begannen sich die Lebenswege von Barbara Hoyt und Debra Tate zu kreuzen. Seit Jahrzehnten dringen beide in Briefen an die Bewährungsausschüsse darauf, die Täter niemals auf freien Fuß zu setzen. Beide fahren zu Anhörungen in Zuchthäuser in die Provinz.

    Anfangs sagte Hoyt auch deshalb aus, weil sie die Rache der verurteilten Täter fürchtete. Später begriff sie den seelischen Schmerz der Erinnerung an ihre eigene Verstrickung auch als Bestandteil ihrer Wiedergutmachung an der Gesellschaft. "Es ist ein Abstieg in die Hölle und wieder zurück", erklär sie. "Ich denke darüber nach und glaube, dass ich einfach als Zeugin da war, denn das war meine Rolle. Gott hat mir diese Rolle zugewiesen, so sehe ich das."

    Derweil hatte sich Tates Mutter Doris für die Rechte von Verbrechensopfern im Staat Kalifornien stark gemacht. Sie war die treibende Kraft hinter einem 1982 verabschiedeten Gesetz, dass es Angehörigen ermöglicht, in Prozessen und bei Bewährungsanhörungen von ihrem Verlust zu sprechen. Als Doris starb, setzten ihre Töchter Debra und Patti ihre Arbeit fort, seit Pattis Tod 2000 macht Debra alleine weiter. "Im Lauf der Zeit haben unsere beiderseitigen Bemühungen uns zusammengeführt", sagt Hoyt.

    Sie telefonieren regelmäßig und treffen sich, wenn sie in derselben Stadt sind. Bei der Warterei vor den Anhörungen entdeckten sie, dass sie gleich alt sind und aus ähnlichen bürgerlichen Verhältnissen stammen. Beide sind geschieden und zogen ihre Töchter alleine groß. Bei einer Bewährungsprüfung für ein Bandenmitglied 2006 fanden sie Zeit, miteinander zu reden. "Ich stellte fest, dass ich Barbara wirklich mag", berichtet Tate. "Sie ist ein guter Mensch. Sie hat eine gute Seele und einen guten Geist, und sie hat sich für uns eingesetzt, als es ganz heikel war, ob diese Mitglieder des harten Kerns raus kommen."

    Im Laufe der Freundschaft begriff Tate, dass Hoyt unter den Morden genauso gelitten hatte wie sie selbst. "Sie war so lange so schrecklich gebrandmarkt", sagt sie. "Dass Barbara unter dem gleichen Stigma zu leiden hatte wie diese anderen Soziopathen, das war einfach nicht recht."

    Manson ist inzwischen 77 Jahre alt und bleibt weiter in Haft. Bei seiner zwölften und vermutlich letzten Anhörung vorige Woche war Hoyt nicht dabei, weil ihr klar war, dass er praktisch keine Chance auf Freilassung hat. Tate hörte sich erneut die grausigen Einzelheiten des Mordes an ihrer Schwester an, die Hände fest verschränkt, die Lippen zusammengepresst. Im Juni treffen sie sich wieder, bei der nächsten Anhörung eines Verurteilten. "Wir haben mit diesem Fall zu tun, seit wir Teenager waren", sagt Tate. "Selbst wenn wir loslassen könnten, die Welt würde es nie ruhen lassen."

    Beide wollen weiter dafür kämpfen, dass die Täter hinter Gittern bleiben, und mit ihrer Entschlossenheit anderen Verbrechensopfern Mut machen. "Wie sind beide auf Webseiten angegriffen worden, jahrelang bösartig angegriffen worden", sagt Hoyt. "Ich möchte allen, die Zeugen eines Verbrechens geworden sind, ein Vorbild sein, sich zu melden und mutig zu sein. Das Böse kann aufgehalten werden, aber es liegt an uns Menschen, das zu tun."

    (Sharon-Tate-Webseite von Debra Tate: www.sharontate.net )

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