Hunderte Pariser Polizisten haben auf den Champs Elysées gegen ein Ermittlungsverfahren wegen Totschlags gegen einen Kollegen protestiert. Eine Kolonne von hundert Fahrzeugen, darunter auch Polizeiautos mit heulenden Sirenen, fuhr am Abend den Prachtboulevard in der französischen Hauptstadt entlang, wie ein AFP-Journalist berichtete. Innenminister Claude Guéant äußerte Verständnis für die "Gefühle" der Polizisten.
"Wir sind hier, um unseren Kollegen zu verteidigen, gegen den ungerechtfertigt ermittelt wird", sagte ein Polizist in Zivil. Der Kollege habe in legitimer Notwehr gegen einen der Polizei bekannten Mann gehandelt, der bewaffnet und gefährlich gewesen sei. Ein Untersuchungsrichter hatte am Mittwoch ein Ermittlungsverfahren gegen den 33-jährigen Beamten eingeleitet, nachdem die Autopsie des Opfers und die Aussage eines Augenzeugen ergeben hatten, dass der Mann in den Rücken geschossen worden war. Dies stellte die Schilderung des Polizisten in Frage, wonach er in Notwehr gehandelt hatte, als er vier Schüsse auf den Mann abgegeben hatte.
Der Vorfall hatte sich am Samstagabend in Noisy-le-Sec bei Bobigny im Nordosten von Paris ereignet, nachdem die Polizei von einem anonymen Anrufer alarmiert worden war, dass sich ein per Haftbefehl gesuchter Gewaltverbrecher in der Innenstadt befinde. Der 28-Jährige, der unter anderem wegen bewaffneten Raubs inhaftiert war, war im Juni 2010 nach einem Freigang nichts ins Gefängnis zurückgekehrt. Als er ihn stellen wollte, habe der Mann ihn mit einer Waffe bedroht, sagte der Polizist aus. Augenzeugen berichteten dagegen von einer Verfolgungsjagd, bei der auf den Fliehenden gefeuert wurde.
Laut der Autopsie starb der Mann an dem Schuss in den Rücken. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte der Flüchtige zwar eine Waffe, habe diese aber nicht benutzt. Eine von ihm geworfene Granate habe sich als Blindgänger entpuppt.
Mehrere hundert Beamte aus dem Pariser Vorort Bobigny hatten sich am Mittwochabend zunächst dort versammelt und angekündigt, vor dem Innenministerium in der Hauptstadt demonstrieren zu wollen. Der Zugang zu dem Ministerium war jedoch von der Polizei abgeriegelt worden. Später wurde eine Delegation von Vertretern der Polizeigewerkschaften im Ministerium empfangen, die unter anderem forderten, dass der Beamte sein Gehalt weiter erhält. Guéant erklärte, er habe Verständnis für die "Gefühle" der Polizisten; nun sei es an der Justiz, Licht in die Angelegenheit zu bringen.


