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    Verstümmeltes Mädchen vom Time-Cover: Neues Leben in den USA

    Bild: AFPIhr Bild schockte die Welt: Aesha Mohammadzai, das afghanische Mädchen ohne Nase und Ohren, wurde von ihrem Ehemann brutal verstümmelt,  weil sie vor ihm flüchten wollte. Mittlerweile lebt die heute 22-Jährige in den USA und versucht, ein neues Leben aufzubauen. CNN-Reporterin Jessica Ravitz, die Aeshas Leben seit 2011 dokumentiert, gehört zu den wenigen Journalisten, die das Mädchen besuchen durften. Ihr Bericht zeigt, dass die Befreiung aus ihrem alten Leben für Aesha noch lange nicht das Ende ihres Martyriums bedeutet.

    Zwei Jahre ist es her, dass das verstümmelte Gesicht von Aesha auf dem Time-Magazin zu sehen war – das umstrittene Cover sorgte weltweit für Entsetzen. "Als sie meine Nase und Ohren abgeschnitten hatten, wurde ich ohnmächtig. Mitten in der Nacht fühlte es sich an, als sei kaltes Wasser in meiner Nase“, erzählte sie damals dem renommierten US-Magazin. „Ich öffnete meine Augen und konnte nichts sehen vor lauter Blut“.

    Screenshot: ABC NewsIhre Peiniger ließen das blutende Mädchen zum Sterben in den Bergen zurück. Der Grund für die brutale "Strafe":  Aesha hatte es gewagt, vor ihrem gewalttätigen Ehemann zu flüchten, einem Talibankämpfer, dem sie im Alter von zwölf Jahren versprochen wurde. Er hatte sie jahrelang misshandelt und gezwungen, im Stall bei den Tieren zu übernachten.

    Nach der brutalen Tat konnte sich das verstümmelte Mädchen mit letzter Kraft in das Haus ihres Großvaters retten, wo ihr Vater Hilfe organisierte. Nachdem ein Time-Reporter vor zwei Jahren weltweit auf das Schicksal des jungen Mädchens aufmerksam gemacht hatte, wurde sie schließlich in die USA geflogen, die ihr 2011 politisches Asyl gewährten.

    CNN-Reporterin Jessica Ravitz, die Aeshas Leben seit 2011 dokumentiert, ist eine von wenigen Journalisten, die Aesha besuchen durfte. Während ihrer Treffen konnte sie die junge Frau aus nächster Nähe beobachten und mit ihr sprechen. Mittlerweile hat die 22-Jährige eine abnehmbare Nasenprothese erhalten, um ihre äußeren Narben zu verstecken. Weniger einfach ist es für sie jedoch, mit ihren inneren Wunden fertig zu werden, wie die CNN-Journalistin in ihrem gerade veröffentlichten Bericht schreibt.  Aesha leide immer wieder unter starken Stimmungsschwankungen, mal habe sie Wutausbrüche, dann sei sie plötzlich wieder voller Zuneigung.

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    Auch die dauerhafte Rekonstruktion einer Nase musste deshalb bislang verschoben werden – denn laut den Medizinern ist Aesha psychisch noch nicht bereit für die schmerzhaften und langwierigen Behandlungen, die unter anderem einen Haut-Expander in der Stirn, tiefe Einschnitte, sowie Knochen-, Knorpel-und Hauttransplantationen beinhalten würden und bis zu zwei Jahre dauern könnten. Bislang hat Aesha deshalb nur die abnehmbare Prothese, die sie jedoch häufig gar nicht trägt, weil sie das Gefühl nicht mag.

    Als sie als 18-jährige Analphabetin zunächst als Flüchtling und ohne ein Wort englisch zu sprechen in die USA kam, war das ein Aufbruch in eine völlig unbekannte und fremde Welt. Aesha wusste nicht, was Wochentage sind, sie musste lernen, Müll zu entsorgen, in eine U-Bahn einzusteigen, einen Stift und eine Waschmaschine zu bedienen.  Ihre Lehrer passten sich ihrem Erfahrungshorizont an: Unterrichtsmaterialien gestalteten sie mit Dingen, die Aesha kannte. Statt „X“ wie Xylophon lehrten sie das Alphabet mit Namen von Personen aus Aeshas Umfeld.

    2010 nahm sich eine New Yorker Organisation für afghanische Frauen ihrer an - aber Aesha wurde schon bald zunehmend unglücklich. Ihre traumatischen Erlebnisse führten zu Wutausbrüchen und Selbstverstümmelung. Einmal schmiss sie sich auf den Boden, schlug mit ihrem Kopf auf die Erde und biss sich in ihre Finger, danach musste sie zehn Tage ins Krankenhaus.

    „Ich hoffe wirklich dass sie eines Tages eine funktionierende junge Frau sein wird“, so Psychologin Shiphra Bakhchi, die Aesha lange betreut hatte, gegenüber CNN. Sie sei sehr intelligent, was sich in schnellen Lernfortschritten zeige aber auch darin, dass Aesha andere gut manipulieren könne. Neben einer  posttraumatischen Belastungsstörung habe sie eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, so die Psychologin. Diese Erkrankung sei verantwortlich für die Stimmungsschwankungen und das "Schwarz-Weiß-Denken" des Mädchens. In Aeshas Weltsicht sei ein Mensch entweder böse oder ein Engel. In einer Minute kuschele sie sich auf den Schoß einer Betreuerin, in der nächsten schreie sie. Sie verletze Menschen, bevor diese sie selbst verletzten könnten. Das mache das Zusammenleben mit ihr nicht immer ganz einfach.
     

    Neues Zuhause in einer afghanischen Pflegefamilie
    Zahlreiche Mitbewohnerinnen, mit denen sie in der Organisation zusammengelebt hatte, hat sie vergrault. Einmal schmiss sie alle Gäste hinaus, nachdem eine Mitbewohnerin eine Party für Aesha organisiert hatte. Mit einer anderen zerstritt sie sich, nachdem das Mädchen sich weigerte, für Aesha zu putzen. Im vergangenen Jahr verließ sie ihre Unterkunft in der Organisation auf eigenen Wunsch und lebt seitdem bei einer afghanischen Pflegefamilie in Maryland, bei der sie ein neues Zuhause gefunden zu haben scheint. Mit viel Liebe kümmern sich Mati Arsala und Jamila Rasouli-Arsala um ihre Tochter. „Sie ist ein Traumapatient“, sagt ihre Adoptivmutter Jamila Rasouli-Arsala gegenüber CNN. „Um ihr zu helfen, benötigt man eine dicke Haut. In ihrem Herzen gibt es keinen Platz für Wertschätzung“.

    Aesha mag mag Bollywoodfilme und glitzernde High-Heels, sie schaukelt gern. Danach gefragt, ob sie Freunde habe, antwortet Aisha: „Mein Computer“. Häufig sitzt sie bis zwei oder drei Uhr morgens davor, schaut Videos und schläft dann bis zum frühen Nachmittag. Außerdem fertigt sie in ihrer Freizeit gern Schmuck und kaut gern Kautabak – eine Angewohnheit, die sie laut Ärzten aufgeben muss, bevor ihre eine Nase operiert wird. Ihr Traum: Sie möchte Polizistin werden und anderen Frauen helfen.

    „Sie hatte nie die Gelegenheit, ein Kind zu sein. Sie verhält sich wie ein Kind, weil sie erst jetzt die Gelegenheit dazu hat. Und daran ist nichts falsch“, so die Adoptivmutter gegenüber CNN.

    “Wir hoffen, dass sie eines Tages ihre Flügel ausbreiten wird”, erklärt ihre ehemalige Betreuerin Esther Hyneman gegenüber CNN. “Aber wenn man 20 Jahre alt ist, aus einem Taliban-Dorf aus Südafghanistan kommt, niemals eine Schule besucht hat und niemals etwas von Frankreich, Italien oder Kanada gehört hat, die Sprache nicht spricht und durch die Hölle gegangen ist – ist es einfach schwierig, die Flügel auszubreiten, auch wenn man das gern möchte."


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