Berlin (dapd). Die Eltern der vier Leisegang-Geschwister aus Lütte bei Bad Belzig hätten es vielleicht lieber gesehen, wenn der vierköpfige Nachwuchs eine Volksmusikgruppe gegründet hätte. Norbert, Hartmut, Roland und Marion Leisegang entschieden sich anders. Sie stellten sich Ende der 1970er Jahre als Quartett Jogger in ihrer brandenburgischen Heimat in Kneipen und bei Familienfeiern auf die Bühne und spielten Blues und Coversongs. 1982 benannten sich die Jogger in Keimzeit um. Mit eigenwilliger Musik und anspruchsvollen, beinahe chansonhaften Texten wurden sie zu einer der populärsten Bands in der DDR.
Im Wendejahr stieg Schwester Marion aus der Truppe aus - die Brüder sind bis heute das Herz von Keimzeit. Zur Freude der Eltern übrigens. "Grundsätzlich fanden sie es ja toll, dass ihre Kinder Musik machen. Und obwohl sie Blasmusik mögen, sind sie letztendlich ganz glücklich mit dem Weg, den wir einschlugen", sagt Bandchef Norbert Leisegang im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd. Nicht ausgeschlossen also, dass das eine oder andere der bis Jahresende geplanten 50 Keimzeit-Konzerte zum echten Familientreffen gerät. Die Tour zum 30-jährigen Band-Jubiläum führt Keimzeit in 13 Bundesländer. Nur in Bremen, Rheinland-Pfalz und im Saarland sind derzeit keine Auftritte geplant. Abgesehen davon, dass der straffe Tourplan beinahe jedem Fan in der Republik Gelegenheit gibt, den anhaltenden Erfolg der Band bei einem Live-Konzert zu feiern, hat sie auch Jubiläumsmusik für zu Hause in petto. Am Freitag (27. April) erscheint mit "Kolumbus" ihr zehntes Studioalbum. Bei der Produktion in Spanien dabei waren neben den drei Leisegang-Brüdern Keyborder Andreas Sperling und Gitarrist Rudi Feuerbach, der die Band im Februar aus privaten Gründen verlassen hat. Feuerbachs Stelle hat inzwischen der Dresdner Musiker Lars Kutschke eingenommen.
"Authentische Musik" will Keimzeit machen, sagt Norbert Leisegang. Auf eine Richtung festlegen mag sich der 51-Jährige nicht. "Da mach ich’s mir echt einfach und sage: Keimzeit-Musik." Und die kann durchaus - wie etwa Ende der 90er auf dem Album "Im elektromagnetischen Feld" - auch mal nur bedingt nach Keimzeit klingen. Die Abkehr vom "naturellen Stil" hat alte Fans gekostet und neue gebracht - und war aus Leisegangs Sicht die richtige Entscheidung. "Die Naturell-Epoche war einfach durchschritten. Und jeder, der irgendwie Musik macht weiß, wenn so eine Epoche durch ist, dann macht man am besten den Laden zu oder bricht auf zu neuen Ufern. Und das hat Keimzeit immer wieder getan. Nur an etwas festzuhalten, um Alben zu verkaufen oder Tickets, halte ich für eine schlechte Idee", sagt der Bandleader.
Mit "Kolumbus" kehrt die Band jetzt ein Stück weit zu ihren Wurzeln zurück - eine Beschreibung, die Leisegang nicht wirklich mag. "Mit den Wurzeln, das ist eine heikle Nummer", sagt er. Überhaupt: Das Traditionalistische liegt der Band so wenig wie die im Musikgeschäft gern bemühte Ostalgie. "Ich denke, dass dieses Ost-West-Ding total überbewertet wird", ist Leisegang sicher. Musik hat für ihn vor allem eine regionale Komponente. "Eine Band schafft es normalerweise, einen regionalen Umkreis von 100 oder 150 Kilometer zu bespielen. Ich denke, dass man hört, dass Keimzeit eine brandenburgische Band ist. Darauf sind wir stolz. Und auch darauf, dass wir es schaffen, mit unserer Musik im ganzen deutschsprachigen Raum zu konzertieren."
Hierzulande wie in der Schweiz und in Österreich gehört zu Keimzeit vor allem "Kling Klang", jener Hit, den die Jungs schon sechs Jahre lang auf jedem Konzert spielten, bevor er 1993 auf dem Album "Bunte Scherben" erschien und zum Gassenhauer wurde. Und anders als andere Bands, die in Mitsing-Liedern eine Gefahr für den eigenen künstlerischen Anspruch sehen, freut sich Keimzeit über den Erfolg des Songs. Ob er sich mit einem anderen Titel wiederholen ließe, interessiert Songschreiber Leisegang nicht. "Ich bin nicht dabei, am Reißbrett Hits zu fabrizieren. Ausschau zu halten nach einem neuen 'Kling Klang' halte ich für völligen Unsinn", sagt er.
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