Neustadt/Wied (dapd). Mit heißen, roten Wangen steht Laura in der Wiedparkhalle in Neustadt/Wied. Die 14-Jährige zittert, hält sich vor Anspannung den Handrücken an ihren mit Lippenstift bemalten Mund. Der Mann, der da gerade kurz aus der Tür gelugt hat, war ER das? Während das schüchterne Mädchen mit aufgerissenen Augen noch fragend umherschaut, haben sich die Stimmen ihrer Freundinnen schon in den oberen Frequenzbereich geschraubt: "ROOOMAAN!!!"
Der deutsche Kandidat für den "Eurovision Song Contest 2012" (ESC) in Baku, Roman Lob, hat an diesem Mittwoch sein letztes Konzert vor dem Abflug nach Aserbaidschan gegeben. Dafür hat sich der 21-Jährige seinen Westerwälder Heimatort Neustadt ausgesucht. "Ich bin hier viel nervöser als bei den anderen Auftritten, auch wenn dort deutlich mehr Zuhörer sind", gesteht Lob, als er unter Jubelschreien auf die Bühne tritt. Unter den mehr als 1.000 Besuchern ist auch die Familie des Musikers.
Begleitet von einem Gitarristen stimmt Lob mit ebenso kräftiger wie gefühlvoller Stimme drei Songs an, darunter "Standing Still". Den Titel wird Lob beim Finale des ESC am 26. Mai singen. Nur hören ihm dann nicht mehr nur ein paar Hundert Freunde und Verwandte zu, sondern mehr als 100 Millionen Menschen europaweit. Panikattacken und unüberlegte Aktionen am großen Tag müssen die Fans aber nicht fürchten: "Je aufgeregter ich bin, desto ruhiger und im mich gekehrter bin ich", sagt Lob.
Der kurze Ausflug in seine Heimat gibt dem jungen Mann Kraft: "Hier kann ich einfach entspannen und echte Freunde treffen." Von hier aus wird Lob am Donnerstag zum wohl größten Abenteuer seines Lebens aufbrechen und über Wien in die aserbaidschanische Hauptstadt fliegen. Internationale Menschenrechtsorganisationen kritisieren das Land, weil demokratische Grundrechte für Opposition und freie Medien nicht gewährleistet seien.
"Das finde ich nicht gut, aber meine Stimmung trübt das nicht", sagt Lob. Er sei ein Musiker und als solcher werde er in Baku auftreten. Trotzdem begrüßt er es, dass die Missstände in Aserbaidschan durch die Austragung des ESC in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt sind. "So können die Verantwortlichen Druck machen und etwas ändern", sagt der gelernte Industriemechaniker, dessen weiteste und ausgefallenste Reise ihn bisher lediglich nach Italien führte. "Wenn die Leute das lesen, denken die noch mehr, dass ich ein Land-Ei bin", lacht der junge Mann.
Was seine Heimat angeht, stimmt das sogar: Im beschaulichen Neustadt kennt jeder jeden und folglich kennt auch jeder Roman Lob. "Ich bin früher hin und wieder mit dem Roman mit dem Bike rausgefahren in den Wald", erinnert sich der 16-jährige Alexander Sebastian. Lobs ehemalige Klassenlehrerin Nicole Hofmann erzählt, Roman sei ein immer fröhlicher, höflicher und normaler Schüler gewesen. Die 14-jährige Laura findet Roman einfach nur cool: "Er lebt seinen Traum, für den er gekämpft hat."
Seinen ersten musikalischen Auftritt hatte Lob nach eigenen Angaben mit 13 Jahren. Später bewarb er sich bei "Deutschland such den Superstar", kam unter die TOP 20, schied aber wegen einer Kehlkopfentzündung aus. In diesem Jahr stand er bei "Unser Star für Baku" vor der Kamera und gewann den Contest.
Diese steile Karriere macht der Dorfjugend in Neustadt Mut. Etliche wollen dem Sänger in seinem Erfolg nacheifern. So auch Laura, die eine bekannte Fotografin werden will: "Roman hat ja gezeigt, dass wir es schaffen können!"
dapd


