Der chinesische Bauernanwalt Chen Guangcheng umging bei seiner Flucht vor den Häschern Pekings 28 Kontrollstellen. Er schaffte es bis in die US-Botschaft. Doch inzwischen sitzt er wieder in Haft.
Der Blinde stolperte 20 Stunden über Feldwege und Gräben, musste durch einen Fluss waten, stürzte unzählige Male, rappelte sich wieder auf. Dann erst traf er auf die Fluchthelfer.
Eine Woche, nachdem der Bauernanwalt "einer brutalen Gefangenschaft und den Schlägen von Dorfbeamten entfloh, werden Details seiner unglaublichen flucht bekannt. Chen erzählte sie nach seiner Ankunft im 300 Kilometer entferntem Peking seinem Freund und Dissidenten Hu Jia.
"Seine Flucht dauerte drei Tage", berichtete Hu der Zeitung "South China Morning Post". Er bestätigte, dass der Bauern-Anwalt Chen in die US-Botschaft geflohen war. Kurz darauf wurde er fest genommen. Bis zum späten Sonntag war er noch in Haft.
Hu gehörte offenbar zu einem Untergrund-Netz von Bürgerrechtsaktivisten, das Chen zu entkommen halt, darunter auch die US-Hilfsorganisation ChinaAid. Mehrere Aktivisten wurden nun festgenommen, darunter auch die Nankingerin He Peirong.
Sie soll Chen im Auto nach Peking gebracht haben. Chen habe die Flucht lange vorbereitet, sagte Hu. Der Jurist, der im Alter von fünf Jahren nach einer Krankheit erblindete, sei vor gut einer Woche nachts über die Außenmauer seines Hauses geklettert.
Er umging 28 Kontrollstellen der Dorfwachen. Ob ein Verwandter ihn begleitete, wurde nicht bekannt.
Die dramatische Flucht hat den 40-Jährigen mit der dunklen Blindenbrille für Zehntausende Mikroblogger zur Kultfigur gemacht. Das Schicksal des "Barfuß-Anwalts", der sich die Rechtskenntnisse, mit denen er Bauern hilft, selbst beibrachte, ist ein filmreifer Stoff.
"Das ist wie Hollywood" schrieb der Wissenschaftler Yuan Weishi in seinem Blog. "Das Volk klatscht voller Freude Beifall. Wenn unsere Funktionäre noch Verantwortungsgefühl besitzen, sollten sie sich fragen, warum das so ist."
Chens Asyl in der Botschaft, die US-Diplomaten weder bestätigen noch dementieren wollen, folgt nun ein diskretes diplomatisches Tauziehen zwischen Peking und Washington. Es kommt zu einem kritischen Zeitpunkt: Vertreter beider Regierungen treffen sich am Donnerstag in Peking zum "politisch- wirtschaftlichen Strategiedialog", dem wichtigsten bilateralen Gipfel der beiden Supermächte.
US-Außenministerin Hillary Clinton und Finanzminister Timothy Geithner leiten für Washington die Gespräche, die Staatschef Hu Jintao eröffnet. Auf der Tagesordnung stehen brenzlige Themen wie Syrien, der Iran und Nordkoreas drohender Atomtest.
Und was sich die größten Wirtschaftsmächte der Welt über Währung, Wachstum und Finanzen zu sagen haben, wirkt sich auf die Weltkonjunktur aus. Der Fall des Dissidenten passt beiden nicht in Konzept, zumal beide Staaten 2012 vor brisanten Neuwahlen ihrer Führer stehen.
Wohl deshalb tun sie nach außen, als sei nichts geschehen. Peking hat ein Berichtsverbot für alle offiziellen Medien verhängt. Es dürfte schwierig werden, eine für beide Seiten gesichtswahrende Lösung für den Fall Chen zu finden, meinen westliche Diplomaten.
Auf den Sozialaktivisten passe kein Präzedenzfall. Am 5. Juni 1989 flohen etwa der Physiker Fang Lizhi und seine Frau in den Schutz der US-Residenz. Peking wollte sie als Anstifter der Studentenunruhen 1989 verhaften. Am 25. Juni 1990 nach einem Jahr Verhandlungen erlaubte der damalige Staatschef Deng Xiaoping als Gnadenakt ihre Ausreise ins Exil.
Gegen Chen liegt aber nichts vor. Seit er seine mehr als vier Jahre lange Gefängnisstrafe als angeblicher Unruhestifter verbüßt hat, ist er nach chinesischem Recht ein freier Bürger. Peking könnte seinen Aufenthalt in der US-Botschaft ignorieren und ihn ausreisen lassen. Aber Chen will das nicht. In einem Internetvideo appelliert er an Premier Wen Jiabao, seine Frau, Tochter und Mutter vor der Rache der lokalen Behörden zu schützen.
Er fordert Wen auf, die Verfolgung und Misshandlung der Familie durch lokale Parteifunktionären aufzuklären. Doch Chinas Zentralregierung wird kaum mit den ungesetzlichen Zuständen in Shandong aufräumen, die sie so lange ignorierte.
Sie müsste es sonst auch in der Hauptstadt tun. Etwa im Fall der unschuldigen Frau des verurteilten Dissidenten Liu Xiaobo, Liu Xia. Sie lebt in Peking seit 20 Monaten unter Hausarrest, ohne rechtliche Grundlage.
Chinas Regierung war im Fall Chen aus Gründen politischer Stabilität stillschweigende Komplizin der lokalen Behörden. Sie griff nie ein, als diese sich nach Chens Entlassung im September 2010 rächten. Die Wut rührte aus der Zeit, als er Landfrauen half, sich gegen Zwangsabtreibungen zu wehren und gegen die brutale Durchsetzung der Ein-Kind-Politik zu protestieren.
Nach Verbüßung der Haft setzten die Lokalbehörden ihre Verfolgung fort. Wenn Peking den Fall pragmatisch lösen wollte, müsste es der gesamten Familie die Ausreise erlauben, um sie zu schützen.


