Berlin (dapd). Vor dem Berliner Hotel Adlon ist Polizei in Mannschaftsstärke vorgefahren. Die Beamten bewachen eine Handvoll Demonstranten, die sich in der Mittagshitze an ein Transparent gegen Rassismus klammern. Im Palaissaal II des noblen Adlon warten Kameraleute, es sind weitaus mehr Medienmenschen erschienen als Demonstranten und Polizisten zusammen. Doch die anschließende Pressevorführung von Thilo Sarrazins neuem Euro-Buch rechtfertigt den Rummel nicht.
Eine knappe Stunde lang liest der frühere Bundesbankvorstand aus seinem neuen Werk "Europa braucht den Euro nicht": Halb handelt es sich um ein finanzwissenschaftliches Fachbuch, halb um eine politische Biografie - etwa wenn er beschreibt, wie er als Finanzsenator einst erfolgreich den Berliner Haushalt saniert habe.
Sarrazin arbeitet sich in seinem Buch insbesondere an der "Angstformel" von Bundeskanzlerin Angela Merkel ab: "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa." Auf 464 Seiten versucht er zu belegen, dass der Euro belegbare ökonomische Vorteile - also mehr Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung - für Deutschland nicht gebracht habe, wohl aber Nachteile für die Südländer, deren Wettbewerbsfähigkeit "deutlich geschädigt" worden sein, mit der Folge wachsender antideutscher Ressentiments.
Für seine Thesen muss der Autor diesmal nicht mit einem Parteiausschlussverfahren der SPD rechnen. Sarrazin zeigt zwar Sympathie für die Positionen der Euro-Kritiker Hans-Werner Sinn, Peter Gauweiler und Hans-Olaf Henkel. Deutlich wird aber, dass er nach dem Wirbel um sein provokantes Buch "Deutschland schafft sich ab", in dem er sich in biologistische Thesen über Zuwanderer verstiegen hatte, seinen Ruf als Finanzfachmann und Wissenschaftler aufpolieren will. So macht er sich etwa Henkels krude Forderung nach einer Spaltung des Währungsgebiets in eine Nord- und eine Süd-Euro-Zone ausdrücklich nicht zu eigen.
In seinem Buch nutzt Sarrazin statt dessen einen allgemein anerkannten Geburtsfehler des Euro. Der frühere CDU-Kanzler Helmut Kohl habe sich mit dem Euro auf eine "unklare Wette auf Kosten deutscher Interessen" eingelassen. "Mit der Vorleistung der gemeinsamen Währung ging die deutsche politische Klasse eine Wette darauf ein, dass die politische Union kurz danach quasi mit Naturgesetzlichkeit folgen werde, weil sonst die Währungsunion nicht stabil sei. Die Wette ist gescheitert", argumentiert Sarrazin. Die ersten Pressevertreter sind eingenickt.
"Wirkliche Wahrheiten sind niemals neu", rechtfertigt der Autor die bekannten Thesen. Über einen Vorabdruck im Magazin "Focus" waren zuvor jene Passagen des Buches verbreitet worden, die all die Journalisten ins Hotel Adlon gelockt hatten. Die Befürworter europäischer Staatsanleihen seien "getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben".
Das Medienecho fiel aus wie geplant. Die Empörungswelle kam ins Rollen. Am präzisesten meldete sich der Zentralrat der Juden zu Wort. Sarrazin versuche mal wieder, "mit schrägen Thesen kalkuliert zu provozieren - und leider gelingt es ihm erneut", bedauerte Präsident Dieter Graumann im Berliner "Tagesspiegel". In seiner "Gier nach größtmöglicher Aufmerksamkeit" schrecke er auch nicht davor zurück, "den Holocaust für seine Zwecke zu instrumentalisieren."
Sarrazin verteidigt auf der Pressekonferenz die geschickte PR-Strategie: "Jeder Autor hat das natürliche Bestreben, dass sein Buch auch gelesen wird." Den Zusammenhang zwischen Holocaust und Euro-Krise habe allerdings nicht er hergestellt, die Euro-Freunde seien es gewesen. Das deutsche Schuldbewusstsein dürfe aber nicht Entscheidungen prägen, "die besser auf der Grundlage ökonomischer Vernunft und sorgfältiger Interessenabwägung getroffen würden".
Die Deutsche Verlags-Anstalt, in der das Buch am Dienstag erschienen ist, kann sich schon jetzt über ihre ökonomische Vernunft freuen. 200.000 von 350.000 Exemplaren der Startauflage sind schon vorbestellt, wird von Verlagsseite bestätigt. Die Pressevorführung hat gut zwei Stunden gedauert. Die Demonstranten vor dem Adlon haben bereits aufgegeben. Auch die Polizisten sind weg.
dapd


