Das Film-Epos "Vom Winde verweht" wäre niemals ein Klassiker geworden, würde Rhett Butler der verwöhnten Scarlett O’Hara nicht am Ende die Wahrheit ins Gesicht sagen. Scarlett fleht ihn in der letzten Szene um Vergebung an, weil sie erkannt hat, ihre Schwärmerei für Ashley war ein Hirngespinst. Tatsächlich liebt sie nur ihren Ehemann Rhett. Doch Butler sagt nur: "Meine Liebe, es ist mir gleichgültig". Und damit verlässt er sie. Für einen Filmstreifen von 1939 ein revolutionärer Schlussstrich nach monumentalen 224 Minuten tränenreichen Mitleidens um diese Liebe. Kein Happy End, kein Schlusskuss, nur nackte Wahrheit.
Es gibt nicht nur eine Wahrheit, lehren uns die großen Philosophen und mancher Therapeut wird zustimmend nicken, während er Ohren und Hände aufhalten. Auch Kartenleger und Sterngucker verdienen mit der Wahrheit, die sie verkünden ihre Brötchen. Richter, Kriminalisten, Diplomaten auch - jeder auf seine Art. Doch ums Geld geht es bei der Wahrheits-Suche nicht.
Das kann man jeden Morgen im ARD-Morgenmagazin feststellen, wo seit Jahr und Tag zwei Fremde um eine dröge Tasse spielen, die sicher günstiger ist, als das Telefonat, das sie dafür tätigen müssen. Doch es wird bereitwillig zum Hörer gegriffen. Ein Filmchen zeigt ein echtes oder erfundenes Szenario, danach muss getippt werden: Stimmt’s oder stimmt’s nicht? Das ist schon alles, funktioniert aber super. Überhaupt wird man auf der Wahrheits-Suche im Fernsehprogramm mit unzähligen Unterhaltungsformaten bedient.
"Die strengsten Eltern der Welt" erziehen nicht etwa die Teenies, sondern sind vielmehr die Instanz, die den echten Eltern im Klartext sagen, welchen Anteil sie am Missraten ihrer Brut zu tragen haben. Der Hunde-Profi deckt die Schwächen von Herrchen und Frauchen auf, denn der verfettete Dackel ist mit Nichten ein verfressenes Stück, nein, wenn die Besitzer gerne naschen, stopfen sie "verständnisvoll" den Hund voll und sorgen nicht für ausreichende Bewegung. Auch Heidi Klum muss den lieben Mädchen "leider" sagen, wenn Sie nicht mehr in die geforderten Konfektionsgrößen passen. Und beim Promi Dinner kommt die wahre Meinung über Gastgeber und Mahlzeit auf den Tisch, sobald man die Tafel verlassen hat. Daraus kann man folgern: Die Wahrheit will man hören, aber die Verpackung muss stimmen. Sie sollte einem "höheren Zweck" dienen: Dem Wohlergehen der Kinder, den lieben Vierbeinern, der Model-Karriere oder dem kulinarischen Genuss.
Womöglich geht es gleich der einzig wahren Liebe an den Kragen? Nein. Denn die ist Unerschöpflich. Sie füttert täglich eine globale Presse und hat das Potential im hintersten Winkel der Erde für unerhörte Glücksgefühle und außerordentliche Zustände zu sorgen.
Das Herz kann auch an einem Verein hängen. Und siehe da: Bei Fußballspielen spricht man gelegentlich vom "wahren Sieger", auch wenn das verlorene Spiel nach den anerkannten geltenden Regeln gespielt wurde. Dann kann die Wahrheit also trösten?
Sicher bietet doch die Literatur Hinweise für Wahrheits-Suchende. Ja. Unzählige Sprichwörter geben uns Hinweise zur Stillung der Sehnsucht nach dem Rechten, etwa, dass Kindermund der Wahrheit kund tut, dass Lügen kurze Beine haben, die Wahrheit ohnehin immer ans Licht kommt und dass wir ohnehin nur sehen, was wir sehen wollen. Hundert Zitate über die Wahrheit im deutschen Sprachraum? Kein Problem. Das Wort "Wahrheit" findet sich auf über 17000 Buchtiteln, weitere 1000 tragen das Wort "wahre" auf dem Umschlag. Dann ist da wohl was Wahres dran: Die Wahrheit ist ein Dauer-Thema.
Und jetzt stelle man sich für eine Sekunde vor, wir würden uns alle jederzeit die ungeschminkte Wahrheit mitteilen. Bei der Antwort auf ein saloppes "Hey, wie geht's?" angefangen… Moment… vielleicht bliebe schon beim "Guten Morgen"-Wunsch so manchem das Wort im Hals stecken? Erziehung, Höflichkeit, Sensibilität, überhaupt alles, was das Zusammentreffen von Menschen regelt, wäre außer Kraft gesetzt. Kein wünschenswerter Zustand. Und so bleibt festzustellen: zwischen Falschheit und ungefiltert mitgeteilter Wahrheit gibt es eine Menge Platz für die eigene Wahrheit. Moritz Heimann (zu seinen Lebzeiten war er ein Berliner Schriftsteller) wußte es sogarnoch genauer: "Die Wahrheit liegt zwischen zwei Extremen, aber nicht in der Mitte".
