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Überschwemmungen laut Experten nicht durch Dammrückbau verursacht

Im November 2023 einigten sich das Europäische Parlament und die EU-Mitgliedstaaten auf ein Renaturierungsgesetz – dadurch sollen geschädigte Ökosysteme und die Artenvielfalt in Europa wiederhergestellt werden. Ein Ziel des Gesetzes ist die Beseitigung unnötiger Hindernisse, um die Verbindung zwischen Flüssen zu verbessern. In diesem Zusammenhang verbreiteten sich in sozialen Medien Beiträge, in denen behauptet wurde, dass die Beseitigung von über 300 Staudämmen im Jahr 2022 zu europaweiten Überschwemmungen in diesem Winter geführt habe. Derartige Behauptungen sind jedoch unbegründet: Die meisten Dämme in Europa werden nicht für den Hochwasserschutz genutzt und durch Flussrenaturierungsprojekte wie "Dam Removal Europe" kann die zur Vermeidung von Überschwemmungen erforderliche Speicherkapazität sogar verbessert werden, so Expertinnen und Experten gegenüber AFP.

"Letztes Jahr wurde in der EU eine Rekordzahl von Dämmen abgerissen. Und jetzt – welch Überraschung – Hochwasser", heißt es in einem Beitrag auf X vom 25. Dezember 2023 von Marcel de Graaff (FvD), niederländischer Politiker und Mitglied des Europäischen Parlaments. De Graaff war bis Ende 2022 Mitglied der Rechtsaußen-Fraktion Identität und Demokratie (ID) im Europäischen Parlament, verließ diese aber, nachdem er sie beschuldigt hatte, "russlandfeindlich" zu sein – nun ist er fraktionslos. Sein Beitrag auf X wurde über 800 Mal geteilt. Ein Artikel auf NineforNews, traf ebenfalls auf viel Zustimmung in sozialen Medien und wurde auf Facebook über 600 Mal geteilt.

Gegen Ende 2023 und Anfang 2024 waren mehrere Länder Europas, darunter beispielsweise Deutschland, Belgien und Frankreich, von extremen Wetterereignissen betroffen. Auch in verschiedenen Regionen der Niederlande, wie etwa Gelderland oder Brabant, gab es Stürme und Hochwasser.

Obwohl diese Ereignisse an sich nicht so ungewöhnlich waren, ist es ihre Kombination, die die Gesamtsituation verkomplizierte und zu übermäßigen Regenfällen führte, erklärten Experten gegenüber AFP. Weiters sagten sie, dass Projekte zum Abbau kleinerer Wehre in den Niederlanden mehr Platz für das angestaute Wasser schaffen könnten. Sie fügten hinzu, dass die abgebauten Dämme – einschließlich der größeren – nicht gegen die Überschwemmungen in mehreren Ländern Europas in diesem Winter hätten helfen können.

<span>Screenshots der falschen Behauptungen: 30. Januar 2024</span>
Screenshots der falschen Behauptungen: 30. Januar 2024

AFP bat De Graaff um eine Stellungnahme zu diesen falschen Behauptungen – bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung erhielt AFP keine Antwort.

AFP hat bereits früher falsche Behauptungen sowohl des Europaabgeordneten de Graaff als auch der Website NineForNews überprüft, wie etwa hier, hier und hier.

EU-Renaturierungsgesetz

Die Europäische Kommission schlug am 22. Juni 2022 eine Verordnung über die Wiederherstellung der Natur vor, um zur langfristigen Wiederherstellung geschädigter Land- und Meeresgebiete der EU beizutragen – beispielsweise durch Aufforstung, den gezielten Schutz von Meereshabitaten oder die Wiederherstellung von Flussläufen.

In Bezug auf Letzteres besteht das Ziel des Gesetzes darin, Hindernisse zu identifizieren und zu beseitigen, die die Verbindung von Oberflächengewässern verhindern, "so dass bis 2030 mindestens 25 000 Flusskilometer wieder in einen frei fließenden Zustand versetzt werden", heißt es auf der Website des Europäischen Parlaments. Dies ist notwendig, da sich über 80 Prozent der europäischen Lebensräume in einem schlechten Zustand befinden.

Der Gesetzesentwurf zur Biodiversität, der am 12. Juli 2023 bei seiner Prüfung im Parlament nur knapp unterstützt wurde, stieß bei der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) auf erheblichen Widerstand, bevor die Verhandlungen mit den EU-Mitgliedstaaten am 9. November 2023 zu einer Einigung führten.

Wie auf der Website der Europäischen Kommission angegeben, ist das Renaturierungsgesetz ein wesentlicher Bestandteil des europäischen Grünen Deals und der EU-Biodiversitätsstrategie für 2030.

Dam Removal Europe: Durch Damm-Entfernungen Flussläufe wiederherstellen

Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass es in Europa mehr als eine Million Staudämme gibt, die Flussläufe blockieren. Im Jahr 2016 wurde das Projekt Dam Removal Europe (DRE) von fünf Organisationen ins Leben gerufen, denen sich später zwei weitere anschlossen. Ziel von DRE ist es, die Beseitigung unnötiger Staudämme zu fördern, damit die Flüsse ihre "natürliche Funktionsweise" wiedererlangen und die Populationen von Fischen und anderen Arten zurückkehren, wie es auf der Website einer der Stiftungen heißt.

Die Beseitigung dieser Dämme erfolgt durch lokale Initiativen. Laut DRE können durch die Beseitigung eines Damms Überschwemmungen und Dürren verringert werden, indem dem Fluss mehr Raum gegeben wird. Diese naturnahe Lösung, bei der die Flüsse mehr Raum für Überschwemmungen erhalten, wird in den Niederlanden seit den extremen Hochwassern von 1993 und 1995 praktiziert.

In einem am 23. April 2023 veröffentlichten Bericht schrieb DRE, dass "im Jahr 2022 ein neuer Rekord in Europa aufgestellt wurde, indem mindestens 325 Flussbarrieren auf dem gesamten Kontinent abgebaut wurden". Bei einer Internet-Recherche fand AFP zahlreiche Artikel, in denen derselbe Wortlaut wie in dem Bericht verwendet wurde – beispielsweise hier, hier oder hier.

"Angesichts der jüngsten Entwicklungen in der europäischen Klimapolitik und des Vorschlags der Kommission für ein Gesetz zur Wiederherstellung der Natur ist es wichtig, die Beseitigung von Staudämmen als wichtiges Instrument zur Wiederherstellung von Ökosystemen hervorzuheben", heißt es in dem Bericht weiter.

Die Beiträge in sozialen Medien scheinen sich auf diesen Bericht zu beziehen und bringen ihn mit der Behauptung in Verbindung, dass durch diese Maßnahmen die Überschwemmungen in Europa in diesem Winter verursacht worden wären. Expertinnen und Experten aus verschiedenen Ländern Europas widersprechen jedoch der in sozialen Medien verbreiteten Behauptung.

Expertinnen und Experten stimmen überein, dass die Überschwemmungen mit starken Regenfällen zusammenhängen

Es sei "ein komplexer Prozess ist, eine Ursache für Überschwemmungen zu finden", schrieb Robert Slomp, Koordinator für Hochwasserrisikomanagement beim Rijkswaterstaat (der niederländischen Exekutivorganisation des Ministeriums für Infrastruktur und Wasserwirtschaft) in einer E-Mail vom 26. Januar 2024. Er und zahlreiche von AFP kontaktierte Expertinnen und Experten wiesen darauf hin, dass starke Regenfälle – zusammen mit landschaftlichen Veränderungen in den vergangenen Jahrzehnten – für das Hochwasser in der Region verantwortlich waren.

"Wir denken eher, dass extrem starke Regenfälle die Probleme in Europa verursacht haben", erklärten Carlijn Bak-Eijsberg und Tom Buijse von Deltares, dem niederländischen Forschungsinstitut für Wasser und Boden, in verschiedenen Telefongesprächen und E-Mails an AFP im Januar 2024.

Andere Expertinnen und Experten waren sich ebenfalls einig, dass die starken Regenfälle der Grund für die Überschwemmungen waren und betonten, dass Extremwetterereignisse durch den Klimawandel immer häufiger auftreten würden. Die beiden Experten von Deltares wiesen darauf hin, dass es in den Niederlanden vor allem diese Wiederholung von Sturm- und Regenepisoden war, die Hochwasser verursachte.

Niko Wanders, außerordentlicher Professor für hydrologische Extreme an der Universität Utrecht, schrieb am 18. Januar 2023 in einer E-Mail an AFP: "Es ist vor allem [auf] anhaltenden Regen in den Niederlanden zurückzuführen, aber auch in flussaufwärts gelegenen Ländern wie Deutschland und Belgien. Solche Überschwemmungen kommen alle fünf bis zehn Jahre vor, also war dies nichts Ungewöhnliches".

"Starke Regenfälle im Einzugsgebiet des Rhein führen irgendwann zu einer Flutwelle und das Wasser, das nicht gespeichert werden kann, schwappt über den Fluss. Wenn das Wasser bereits in den kleineren Flusseinzugsgebieten in den Niederlanden gespeichert wird, wird ein aus Deutschland kommendes Hochwasser zu einem Problem und zu Überschwemmungen in den Niederlanden führen", sagte Ton Hoitink, Professor für Umweltfluidmechanik im Fachbereich Hydrologie an der Universität Wageningen, am 18. Januar 2024 gegenüber AFP.

"Technische Maßnahmen wie Dämme können zwar einen lokalen Schutz vor Überschwemmungen bieten, aber die eigentliche Ursache liegt in den umfassenden landschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahrhunderten. Viele Gebiete wurden trockengelegt, um die Produktivität der Land- und Forstwirtschaft, der Urbanisierung und der Schifffahrt zu steigern und den Abfluss bei starken Regenfällen zu beschleunigen. Dieser schnelle Abfluss wiederum trägt zu erhöhten Hochwasserpegeln bei", erklärten Expertinnen und Experten des Umweltbundesamtes (UBA) in einer gemeinsamen E-Mail vom 2. Februar 2024.

<span>Verden an der Aller am 31. Dezember 2023 während eines Besuchs der Bundeskanzlerin und des Ministerpräsidenten von Niedersachsen</span><div><span>HORNUNG</span><span>AFP</span></div>
Verden an der Aller am 31. Dezember 2023 während eines Besuchs der Bundeskanzlerin und des Ministerpräsidenten von Niedersachsen
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Das Entfernen von Dämmen kann bei Überschwemmungen helfen

Expertinnen und Experten aus verschiedenen Ländern Europas und mit unterschiedlichen Backgrounds wiesen die Online-Behauptungen gegenüber AFP zurück. Sie betonten zwar, dass bestimmte Arten von Dämmen im Falle von Überschwemmungen von Vorteil sein können, erklärten jedoch auch, dass der Rückbau von Dämmen durch spezielle Projekte keine derartigen unerwünschten Auswirkungen hat, sondern tatsächlich zu einer erhöhten Wasserspeicherkapazität führen kann.

Es ist wichtig zu wissen, dass der Prozentsatz der Dämme in Europa, die für den Hochwasserschutz genutzt werden, sehr begrenzt ist und dass diese sehr genau überwacht werden, wie Gwen Macdonald, Senior Program Manager für das Open Rivers Program, am 1. Februar 2024 in einer E-Mail an AFP erklärte. "Es ist sicher, dass die Überschwemmungen und die Wasserknappheit, die im letzten Jahr in ganz Europa aufgetreten sind, nicht auf die Entfernung von Dämmen und Barrieren in den europäischen Flüssen zurückzuführen sind", erklärte sie.

"Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Beseitigung von Dämmen oder anderen Hindernissen und Überschwemmungen", erklärte Marie-Anne Germaine, Dozentin und Forscherin für Geographie an der Universität Paris Nanterre in Frankreich, ebenfalls in einer E-Mail an AFP am 29. Januar 2024. "Die meisten Infrastrukturen, die an Flüssen gebaut werden, haben nicht das Ziel, Überschwemmungen zu regulieren, sondern dienen der Energieerzeugung (Mühlen, Mikrokraftwerke oder große Staudämme) oder der Speicherung (Bewässerung oder anderes)". Diese Art von Dämmen "haben keine Wirkung und können Überschwemmungen nicht verhindern", fügte sie hinzu.

Viele Dämme in Europa erfüllen keinen Zweck mehr, fügte Florence Habets, CNRS-Forscherin am Geologielabor der École normale supérieure in Paris, Frankreich, in einer E-Mail vom 27. Januar 2024 hinzu. Sie nannte das Beispiel eines großen Staudamms, der kürzlich in der Normandie in Frankreich nach jahrelanger Planung abgebaut wurde: "Er ist stark flussabwärts gelegen und hat keinen Einfluss auf die aktuellen Überschwemmungen". Wie in diesem Artikel in "Le Monde" erläutert, war dieser Damm nicht dafür ausgelegt, Hochwasser zurückzuhalten.

Dieter Gerten, Professor für Klimasystem und Wasserhaushalt im Globalen Wandel an der Humboldt-Universität in Berlin, erklärte am 26. Januar 2023 gegenüber AFP, dass die Beseitigung von Dämmen nur dann eine Auswirkung auf die Überschwemmungen hätte, "wenn sie in jedem Flusseinzugsgebiet, in dem es Überschwemmungen gab, in großem Umfang beseitigt worden wären, was gelinde gesagt unwahrscheinlich ist".

In den Niederlanden befanden sich die acht kleinen, unnötigen Barrieren und Wehre, die 2022 abgebaut wurden, nicht in den großen Flusssystemen des Landes, wie Herman Wanningen, der Gründer der Initiative DRE, gegenüber "Volkskrant" erklärte, was von den Experten Bak-Eijsberg, Buijse und Wanders bestätigt wurde.

In einem Artikel aus dem "Guardian" von 2023 sagte Herman Wanningen, dass das Entfernen dieser Dämme auch "mehr Raum für Überschwemmungen schafft, wenn es richtig gemacht wird".

"Die Änderungen, die bei der Beseitigung von Dämmen vorgenommen werden, sollen einen natürlicheren Wasserfluss wiederherstellen und eine größere Wasserspeicherkapazität gewährleisten, anstatt Probleme zu verursachen", stimmt Hoitink zu. In einer E-Mail vom 19. Januar 2024 fügte er hinzu: "Die Beseitigung von Dämmen und Wehren in den Niederlanden macht die Umwelt nicht anfälliger für Überschwemmungen".

Dämme können so entfernt werden, dass mehr Platz für das Überlaufen des Flusses geschaffen wird, erklärte Benjamin Dewals, außerordentlicher Professor für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der Universität Lüttich, am 24. Januar 2024 gegenüber AFP. Dies sei jedoch nur in bestimmten Gebieten möglich, zum Beispiel dort, wo es keine Urbanisierung gibt. Bei der Renaturierung des Flusses können auch mehr Mäander geschaffen werden, die manchmal sogar die ursprüngliche Strömung des Flusses wiederherstellen.

Geringeres Dürrerisiko

In dem "NineForNews"-Artikel wird behauptet, dass die Beseitigung dieser Dämme durch DRE auch das Risiko einer Dürre vergrößert. Auch das ist nach Ansicht von Expertinnen und Experten nicht richtig. AFP hatte eine ähnliche Behauptung bereits in einem früheren Faktencheck auf Spanisch überprüft, als viele Falschbehauptungen aufgrund der intensiven Dürre des letzten Jahres wieder aufkamen.

"Wenn sehr kleine Dämme abgerissen werden, weil sie zu gefährlich sind oder sich in einem schlechten Zustand befinden, hat das nur geringe Auswirkungen", hatte der spanische Ingenieur Francisco Flores, Vizepräsident der Spanischen Gesellschaft für Staudämme und Stauseen (Seprem), damals – im November 2022 – gegenüber AFP erklärt.

"Die Dämme, die entfernt wurden, können die Dürre der vergangenen Sommer nicht verursacht haben. Diese Programme zur Beseitigung von Dämmen, die Teil der Bemühungen zur Renaturierung sind, können schlecht für die Landwirtschaft sein, aber gut für die Natur und die Wasserwirtschaft, einschließlich der Vorbeugung von Dürren", sagte Hoitink.

Habets wies auch darauf hin, dass Wehre die Wasserqualität im Falle einer Dürre erheblich verschlechtern können, beispielsweise durch die Erwärmung des Wassers oder den Verlust von Sauerstoff.

Einem Fluss durch die Beseitigung eines Damms mehr Raum zu geben, "fördert die Infiltration in den Boden und trägt zur Auffüllung des Grundwasserspiegels bei, was wiederum dazu beiträgt, dass die Flüsse Dürreperioden besser überstehen, da das Grundwasser die Flüsse speist, wenn es nicht regnet", so Dewals.

Weitere AFP-Berichte über Desinformation im Zusammenhang mit dem Klimawandel können Sie hier lesen.

Fazit: Die Überschwemmungen in einigen Ländern Europas gegen Ende des Jahres 2023 wurden nicht durch den Abbau von Staudämmen verursacht, sondern durch starke Regenfälle. Extremwetterereignisse treten durch den vom Menschen gemachten Klimawandel immer häufiger auf.