14 berührende Porträts von Albaniens Mannfrauen

KAELYN FORDE
Photo: Jill Peters.

Fotografin Jill Peters hat ihre Karriere der Erkundung von Intersexualität, Geschlechtsidentität und Kultur gewidmet – und das hat sie auf jeden Fall schon an sehr interessante Orte gebracht: Als sie zum ersten Mal über eine immer kleiner werdende Gruppe las, die ihr Leben als „eingeschworene Jungfrauen“ leben, wusste sie ziemlich genau, wo ihre nächste Reise hingehen wird.

Mit ihrer Kamera bewaffnet, reiste Peters zu einigen der abgelegensten Dörfer in den albanischen Alpen. Dort waren arrangierte Ehen normal und Reichtum ging traditionell von Vater zu Sohn über. Ganze Gemeinden lebten von dem Kanun, einem traditionellen Ehrenkodex aus dem 15. Jahrhundert, der die meisten sozialen Privilegien Männer zusprach. „Die Freiheit zu wählen, zu fahren, Geschäfte zu machen, Geld zu verdienen, zu trinken, zu rauchen, zu fluchen, eine Waffe zu besitzen oder Hosen zu tragen, war dort immer traditionell eine exklusive Sache für die Männer“, schreibt Peters auf ihrer Website.

Demnach riskierte eine Familie ohne Söhne, Land und Lebensunterhalt zu verlieren. Der Ausweg aus dieser Situation: Familien in dieser überwiegend landwirtschaftlichen Region des Balkans konnten ihre jungen Töchter melden, damit diese ein Leben des Zölibats als sogenannte Burrnesha oder eingeschworene Jungfrau leben konnten. „Wer Burrnesha wurde, bekam als Frau den Status eines Mannes. Das gab ihr alle Rechte und Privilegien der männlichen Bevölkerung", berichtet Peters.

Albaniens eingeschworene Jungfrauen wurden Militärkommandeure, Mechaniker, übten Berufe aus, die sonst für Frauen nicht denkbar waren. „Die Leute, die diese Rolle übernehmen wollten, schnitten ihre Haare und nahmen männliche Identitäten an, veränderten ihre Namen, ihre Kleidung und ihr Verhalten“, so Peters. Heute erlauben lokale Gesetze sowohl Männern als auch Frauen, Eigentum zu besitzen und die Notwendigkeit für „eingeschworene Jungfrauen“ ist ausgestorben. Doch für die überlebenden Oktagenarier und Nonagenarier, die für die meiste Zeit ihres Lebens als Männer gelebt haben, gibt es jetzt wenig Grund, sich zu verändern.

Refinery29 hat mit der Fotografin über das Projekt gesprochen, das sie viel über Geschlechteridentität und Tradition lehrte.

Foto: Haki 2009. Haki ist ein Bauer und ist glücklich, allein zu leben.

Wie haben Sie zum ersten Mal über die vereidigten Jungfrauen Albaniens erfahren?

„Ich las ein Buch über die Geschlechterdiversität und ich stieß auf ein Kapitel über die eingeschworenen Jungfrauen. Ich war fasziniert und blickte tiefer. Die Tatsache, dass bisher so wenig über sie geschrieben wurde und dass es nicht mehr viele Mannfrauen gibt, motivierte mich loszulegen“, sagte Peters.

Haki 2011.

Foto: Jill Peters.

Wie sieht ihr Leben aus? Identifizieren sie sich als Männer oder als Frauen?

„Einer ist ein Bauer, einer ist ein Kfz-Mechaniker, einer ist ein pensionierte Militär. Einige eingeschworene Jungfrauen sind sehr einsam, weil die Sitte ihnen nicht erlaubt, Partner oder Kinder zu haben. Manche haben große, erwachsene Familien mit vielen Großnichten und Großneffen, die sie anbeten. Sie leben seit Jahrzehnten als Männer, deshalb identifizieren sie sich auch so“, sagte Peters.

Haki 2013

Foto: Jill Peters.

Mark, 2011

Mark ist ein Ladenbesitzer und ein sehr frommer Katholik.

Foto: Jill Peters.

Wie war es, ihre Porträts zu schießen und ihre Geschichten zu hören?

„Es war ein Privileg, sie kennenlernen zu dürfen. Ich bin seither immer wieder nach Albanien zurückgekehrt, um das Projekt fortzusetzen. Jedes Mal, wenn ich zurückkomme, gewinne ich ein wenig mehr von ihrem Vertrauen und höre mehr über ihr unglaubliches Leben“, erzählte die Fotografin.

Mark 2011.

Foto: Jill Peters.

Skhurtan, 2011

Shkurtan ist Mitglied des kommunistischen Militärs und jetzt im Ruhestand. Er sagte, er sei gefürchtet und respektiert worden von den vielen Männern unter seinem Kommando.

Foto: Jill Peters.

Hajdari, 2011

Hajdari ist ein Bauer und hat eine große entfernte Familie.

Foto: Jill Peters.

Für viele Menschen ist Genderidentität etwas, das wir einfach haben und fühlen, ein Teil von uns, um zu wissen, wer wir sind. Wie war dieser Geschlechterübergang für diese Frauen?

„Diese Sitte wurde vor Jahrhunderten als soziales Konstrukt für die Familie begonnen, es ist einzigartig, da es einer Frau ermöglicht, alle Rechte eines Mannes in einer strengen patriarchalischen Kultur zu gewinnen. Es war nicht als Mittel zum Übergang von einem Geschlecht zu einem anderen aufgrund persönlicher Gefühle der Geschlechtsidentität oder sexueller Orientierung gedacht“, sagte Peters.

Hajdari 2011.

Foto: Jill Peters.

Hajdari, 2011

Die nördliche Region Albaniens ist landwirtschaftlich, die meisten Menschen, darunter Hajdari, haben als Landwirte oder Mähdrescher für das kommunistische Kollektiv gearbeitet.

Foto: Jill Peters.

Was soll die Welt über diese Leute und ihre Geschichten wissen?

„Der Überraschende ist, dass sie es nicht bereuen. Angesichts der Ära, in der sie lebten und die Umstände, die zu ihrer Entscheidung führten, sagten alle, dass sie das Gleiche wieder tun würden. Heute wäre das Opfer zu groß und glücklicherweise sind die Gründe für die Entscheidung, so zu leben, jetzt veraltet“

Hajdari, 2013.

Foto: Jill Peters.

Qamille, 2009

Qamille hat während der kommunistischen Ära landwirtschaftliche Arbeit geleistet. Er ist im Alter von 91 Jahren im Jahr 2010 gestorben

Foto: Jill Peters.

Lume, 2009

Lume zieht Pferde auf.

Foto: Jill Peters.

Lume, 2013

Lume lebt mit ihrer Mutter.

Foto: Jill Peters.

Was ist Ihr Rat für junge Frauen, die ebenfalls mit Fotografie Menschen auf der ganzen Welt erreichen wollen?

„Ich wurde von vielen jungen Leuten kontaktiert, die mich um Rat fragen – und ich sage immer, nimm das nicht für selbstverständlich, dass Menschen uns einen Einblick in ihr kostbares Leben gewähren. Es ist ein Privileg, das man sich als Fotograf oder Fotografin verdienen muss, also sei freundlich, ehrlich und respektvoll“, sagte Peters.

Lume 2011.

Foto: Jill Peters.

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