30 Flugstunden bis zur Gewissheit: Suche nach Ahnen führt Neuseeländer nach Köln

Das Schicksal seines Uronkels ließ Robbie Neeson nie los und führte ihn nach Köln

Dom. Stadtrundfahrt. Historisches Rathaus. Interessiert alles gerade nicht.

Gedankenverloren steuert Robbie Neeson durch Weiden. Auf der Suche nach der Antwort auf eine Frage, die dem 34-jährigen Neuseeländer seit Kindertagen keine Ruhe lässt. Der Frage, wie und wo sein Großonkel Roy als Pilot der britischen Streitkräfte vor 76 Jahren gestorben ist.

Suche in Köln

Frederick Lionel Roy Wood war der neuseeländische Co-Pilot eines Vickers Wellington Bombers des 75. Geschwaders, der am Morgen des 15. Oktober 1941 vom Stützpunkt der Royal Airforce in Feltwell in Norfolk England gestartet war. Er war 23 Jahre jung, hatte den Rang eines Sergeants und war der einzige Sohn seiner Mutter, als er über Köln-Weiden – zwischen der heutigen Lessingstraße und der Hölderinstraße – von deutscher Flak-Artillerie abgeschossen wurde.

Ergriffen folgt sein Großneffe, den Flieger Roy nie kennenlernte, Lydia Klütsch, Mitarbeiterin im Referat für Internationale Angelegenheiten der Stadt Köln, die ihn durch die Straßen lotst.

„Es ist so friedlich hier und so wunderschön“, sagt der junge Mann, der in seiner Heimat als Verwaltungsbeamter beschäftigt ist, so irritiert, als sei noch Krieg. Dabei ist die Geschichte, die er soeben vervollständigt, eine zutiefst völkerverbindende.

15 Jahre Suche

Gregor Gosciniak vom Europabüro des Oberbürgermeisters, wie das Referat damals noch hieß, war es, der dem jungen Ahnenforscher vor ziemlich genau 15 Jahren schon bei der Suche nach dem Absturzort und den genauen Umständen geholfen hatte.

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ war damals auch dabei, als der heutige Marketingleiter bei Köln-Tourismus entscheidende Hinweise älterer Anwohnerinnen vor Ort für den jungen Neuseeländer gewinnen konnte, der sich hilfesuchend an die Stadt gewendet hatte.

Mit der Kölner Hilfe und jahrelanger Recherche in Genealogie-Foren konnte Robbie Neeson sein Puzzle vervollständigen.

Für ihn, der von seiner Frau Sarah begleitet wird, ist es eine Art Pilgerreise, die ihn nicht nur erstmals nach Übersee, sondern überhaupt aus Neuseeland führt.

„Ich malte ständig sein Flugzeug“

Seit er zwölf ist, fesselt ihn Roys Geschichte, die sein Vater immer wieder erzählte. „Ich war fasziniert, malte ständig sein Flugzeug, wie ich es mir vorstellte, und begann schließlich meine Großmutter nach Roy zu fragen.“

Dieser habe schon als kleiner Junge vom Fliegen geträumt, erzählte sie ihm. Für ihn sei der Einsatz „eine Chance und ein großes Abenteuer“ gewesen. „Er hatte, wie alle jungen Männer, doch keine Vorstellung, was Krieg bedeutet.“

Mit dem Tagebuch seines Großonkels in den Händen und Fotos, die diesen und seine fünf Besatzungskollegen zeigen, nähert sich Roobie Neeson fast andächtig dem Absturzort an einem schmalen Fußweg, der ausgerechnet Schützenweg heißt, und um den herum heute gepflegte Einfamilienhäuser und Bungalow-Anlagen stehen.

„Hier war es“, sagt er, sieht sich langsam und sehr aufmerksam um, wie um jeden Eindruck für immer aufzusaugen. Dann verliest er einen Augenzeugenbericht aus dem Jahr 1946, mit dem Roys Mutter über den sicheren Tod ihres Sohnes informiert worden war.

„Wir werden Köln nie vergessen“

Er und seine Familie seien den Kölnern zu tiefem Dank verpflichtet, sagt Robbie Neeson. „Er ist Teil dieses Ortes.“ Und es sei nicht selbstverständlich, dass Roy zuerst auf dem Südfriedhof bestattet und später auf den Soldatenfriedhof der Alliierten nach Rheinberg überführt worden wäre, den das Paar auch besucht.

Neeson versucht sich die letzten Minuten und Sekunden des Fluges vorzustellen. Ob sein Großonkel Angst verspürt hat, als er den Tod, den der Krieg so vielen Menschen auf beiden Seiten brachte, nahen sah? „Vermutlich ging es zu schnell“, sagt er, hält wieder inne, und fährt fort: „Zum Glück hat das Wrack keine Menschen am Boden getroffen.“

Zum Abschied lädt Robbie Neeson die Reporterin nach Neuseeland ein und bleibt schließlich zurück, um „noch eine Weile in Stille hier zu sitzen“. Ob er gläubig sei? „Ja“, sagt er. „Aber das hier ist eine Familienangelegenheit.“

Seine Großmutter starb 2013, ohne das Grab ihres Bruders oder die Absturzstelle je gesehen zu haben. „Sie wäre froh zu wissen, dass wir die Erinnerung lebendig halten.“

Es waren 30 Flugstunden, die Robbie Neeson brauchte, um endlich Gewissheit und eine Vorstellung vom Lebensende seines Uronkels zu erlangen. „Es ist das letzte Puzzlestück“, sagt er zufrieden wie jemand, dessen Herz nun Ruhe finden kann. „Wir werden Köln nie vergessen.“...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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