30 Jahre Mauerfall: Der Tag, an dem die Mauer fiel: Eine 24-Stunden-Reportage

Massenproteste und Flüchtlingswelle ebben nicht ab: Die DDR-Regierung tritt am 7. November, das SED-Politbüro am 8.11. zurück. Der 9. November soll einen Neuanfang bringen, er wird das Ende einläuten. Das Protokoll des historischen Tages.

➤ 9. November 1989, 7 Uhr, Hohenschönhausen, Ost-Berlin.

Harald Jäger macht sich auf den Weg zur Arbeit. Ein 24-StundenDienst liegt vor ihm. Der Oberstleutnant ist stellvertretender und heute diensthabender Leiter der Passkontrolleinheit an der Grenzübergangsstelle (GÜSt) Bornholmer Straße. Er wird später sagen: „Die Nacht vom 9. November war die schlimmste und schönste meines Lebens.“

➤ Waldsiedlung Wandlitz bei Berlin.

Günter Schabowski hört im Deutschlandfunk die Presseschau. Seit gestern ist er Medienverantwortlicher des Politbüros des Zentralkomitees (ZK) der SED. Sein Fahrer chauffiert ihn gleich nach Ost-Berlin zum zweiten Tag der Tagung des ZK.

➤ 9 Uhr, Ministerium des Innern der DDR, Ost-Berlin.

Vier Offiziere der Ministerien des Innern (MdI) und für Staatssicherheit (MfS) kommen zusammen, um im Auftrag des Politbüros das „CSSRProblem“ zu lösen: Oberst Gerhard Lauter, Leiter der Hauptabteilungen Pass- und Meldewesen, Generalmajor Gotthard Hubrich, Leiter Innere Angelegenheiten, Oberst Hans-Joachim Krüger, stellvertretender Leiter der Hauptabteilung VII des MfS, und Oberst Udo Lemme, Leiter der Rechtsstelle des MfS, sollen einen Vorschlag zur Regelung der ständigen Ausreise aus der DDR erarbeiten. Das Problem: Prag droht, wegen der Flüchtlinge aus der DDR die Grenze zu schließen. Die vier Männer sind sich schnell einig, dass es unverantwortlich sei, alle Reisewilligen in den Status von Ausreisenden zu zwingen; sie erarbeiten eigenmächtig einen „Beschlussvorschlag“, der auch Privatreisen ermöglicht.

➤ 10 Uhr, Gebäude des ZK.

Die Tagung wird fortgesetzt. Egon Krenz, Nachfolger Erich Honeckers als Partei- und Staatschef, präsentiert das Konzept einer „marktorientierten sozialistischen Planwirtschaft“. 

➤ 11 Uhr, GÜSt Bornholmer Straße.

Harald Jäger hat wenig zu tun. Eigentlich war er immer überzeugt von seinem Tun. Er meldete sich im Jahr des Mauerbaus 1961 bei der Grenzpolizei, trat 1964 in den Dienst des MfS. Aber jetzt, angesichts der Massenflucht, hat er stille Zweifel an seinem Staat.

➤ 12 Uhr, Ministerium des Innern.

Gerhard Lauter und Genossen haben sich darauf verständigt, wie sie ihren Auftrag erweitern: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden.“ Und: „Genehmigungen werden kurzfristig erteilt.“ Sowie: „Versagungsgründe werden nur in besonderen Ausnahmefällen angewandt.“ Die folgenden drei Absätze beinhalten die ständige Ausreise. Das Papier nimmt seinenWeg in die Bürokratiemühle. Lauter stellt sich darauf ein, dass es Widerspruch hervorrufen wird.

➤ 12.10 Uhr, Gebäude des ZK.

Raucherpause. Egon Krenz zeigt ein paar Politbüro-Mitgliedern den Beschlussvorschlag. Zwei Tage zuvor hatte sich das Politbüro schon einmal mit der Regelung der ständigen Ausreise beschäftigt und beschlossen, dass Lauter&Co. etwas austüfteln sollten. Die Genossen fragen Krenz, ob der Entwurf, den er in Händen hält, mit Moskau abgestimmt sei. Er antwortet mit Ja. Allerdings geht Moskau davon aus, dem zugestimmt haben, worum die DDR-Führung vor zwei Tagen gebeten hatte: Die ständige Ausreise solle nicht mehr über Drittstaaten erfolgen, sondern über einen neuen Grenzübergang bei Schirnding (Bayern). Der Beschlussvorschlag geht ins Umlaufverfahren. Alle 44 Minister der DDR müssen ihm zustimmen, bis 18 Uhr.

➤ 14.30 Uhr, Warschau.

Bundeskanzler Helmut Kohl trifft zu einem fünftägigen Staatsbesuch in Polen ein.

➤ 16 Uhr, Gebäude des ZK, Ost-Berlin.

Egon Krenz verliest den Reiseregelungsentwurf, der ihm als Beschlussvorlage des Ministerrats vorliegt. Es scheint, weder er noch die Genossen im Plenum begreifen, dass der Entwurf Privatreisen beinhaltet.

➤ 17 Uhr, Ministerium des Innern.

Gerhard Lauter hat sich mehrmals erkundigt, ob es Reaktionen auf den Beschlussvorschlag gebe, möglicherweise Änderungswünsche. Gibt’s nicht. Dem Ministerrat hatte Lauter vorgeschlagen, den Beschluss mit einer Sperrfrist „vier Uhr morgens“ zu versehen.

➤ 17.30 Uhr, Gebäude des ZK.

Egon Krenz drückt Günter Schabowski die neuen Reiseregelungen in die Hand. Schabowski soll sie auf der um 18 Uhr beginnenden Internationalen Pressekonferenz verkünden, die live übertragen wird. Krenz’ Fehler: 1. Die Einspruchsfrist läuft bis 18 Uhr; das Justizministerium erhebt gegen 17.45 Uhr Einspruch, der aber im Sekretariat desMinisterrats in der Ablage landet. 2. Die Regelungen sollten erst am 10. November um 4 Uhr bekannt gegeben werden. 3. Der Regierungssprecher sollte sie auf Krenz’ eigenen Vorschlag hin verkünden. 4. Krenz händigt das Dokument einem Mann aus, der bei den Beratungen nicht anwesend war–und der fährt jetzt ins Pressezentrum, ohne sich das Papier vorher durchzulesen.

➤ 18.49 Uhr,...Lesen Sie den ganzen Artikel bei mopo