Eine 39-Jährige erzählt von ihrem Leben mit 30.000 Euro Schulden — und wie sie jetzt zurück in die schwarzen Zahlen will

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Symbolbild.
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Es ist ein verregneter Herbsttag, an dem Nadine Baumann, 39 Jahre alt, vor einem weißen Neubau in Göttingen steht und sich nicht entscheiden kann, ob sie nun hineingehen sollte oder nicht. Gedanken wie "Die können dir sowieso nicht helfen" schießen ihr in den Kopf. Außerdem ist sie zehn Minuten zu spät. "Mein Magen machte immer mehr Purzelbäume", erzählt sie heute, einige Wochen später. Schließlich gibt sie sich einen Ruck, betritt langsam das Gebäude und fährt mit dem Aufzug in den dritten Stock. Dorthin, wo die Schuldnerberatung der AWO Göttingen sitzt.

Baumann hat rund 30.000 Euro Schulden und keine Ahnung, wie sie diese Summe jemals abbezahlen soll. Eigentlich heißt sie anders. Ihren echten Namen will sie für sich behalten – aus Sorge, dass ihr Nachteile entstehen könnten, wenn jeder um ihre Situation weiß.

Das Ausmaß ihrer finanziellen Schieflage wurde ihr zum ersten Mal am 4. August klar - etwa drei Monate vor dem besagten düsteren Herbsttag. Eigentlich, sagt sie, habe dieser Tag mit einer guten Nachricht begonnen. Durch einen alten Sparvertrag bekam Baumann etwas Geld zurück. "Ich habe mich gefreut, weil ich alle offenen Rechnungen abbezahlen konnte." Nur hatte sie in dem Moment die fälligen Zinsen ihres Dispokredits nicht bedacht. Ein Blick auf ihr Konto holte sie in die Realität zurück. "Der August hatte erst angefangen – und ich hatte noch genau zehn Euro für den Monat übrig."

Wie konnte es so weit kommen?

Begonnen hatten die Geldprobleme vor einigen Jahren. Da war sie Anfang 30 und brauchte ein vollständig neues Gebiss. Die Kosten für die komplizierte Behandlung, Implantate und Brücken beliefen sich am Ende auf 34.000 Euro. Um die Prozedur bezahlen zu können, nahm Baumann, die zu diesem Zeitpunkt noch als Feinwerkmechanikerin arbeitete, einen Kredit auf. Obwohl sie in ihrem Job nicht viel verdiente, konnte sie ihre Raten zunächst tilgen. Baumann, so beschreibt sie sich selbst, ist keine Frau, die viel Geld zum Leben braucht. Sie hat keine Kinder, legt keinen Wert auf teure Kleidung oder Urlaube. Wichtig sei ihr, ihre Katzen zu versorgen und sich ab und zu ein gutes Buch kaufen zu können. "So lange ich gearbeitet habe, ging das alles", sagt sie.

Dann wurde Baumann krank – sie ist es bis heute. Ein Arzt attestierte ihr eine Depression mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Zuerst bekam sie Krankengeld, dann lebte sie von Arbeitslosengeld I. Von ihrem Einkommen, das zuvor 1600 Euro netto betragen hatte, blieben ihr noch 60 Prozent. Um mit ihrer Depression klarzukommen, fing Baumann an, immer mehr Dinge zu kaufen. Sie hatte weniger Geld zur Verfügung und gab gleichzeitig mehr aus. Baumann verfiel in eine Kaufsucht. Zwar shoppte sie nichts Teures, aber Lebensmittel, Bücher oder Kleinkram, den sie nicht brauchte. Mittlerweile hat sie einen Dispokredit in Höhe von 7300 Euro. Außerdem sind noch 23.000 Euro ihres Kredites offen.

Neun Prozent gelten als überschuldet

Zwar mag sich Nadine Baumann in ihrer Situation allein vorgekommen sein, aber wie ihr ergeht es vielen in Deutschland: Mehr als sechs Millionen Menschen gelten hierzulande als überschuldet. Das sind rund neun Prozent der Gesamtbevölkerung. Darunter wird nicht verstanden, wenn jemand zum Beispiel einen Kredit für ein Haus abbezahlt. Als überschuldet gelten nur Menschen, deren Vermögen oder künftige Einnahmen nicht ausreichen, um ihre Schulden zu decken. Ein Massenphänomen, sagt Thomas Bode von der Schuldnerberatung der AWO Göttingen. Allein in die Beratungsstelle in Göttingen kämen rund 500 neue Ratsuchende pro Jahr.

Die Gründe dafür sind so unterschiedlich wie die Geschichten und Persönlichkeiten der Betroffenen. Junge Erwachsene, die nicht genug verdienen, um ihren Studienkredit zurückzuzahlen, eine gescheiterte Selbstständigkeit, Trennungen, Niedriglöhne, Krankheit. "Vom Harz-IV-Empfänger bis zum Hochschulprofessor ist alles dabei", sagt Bode. Besonders häufig, das zeigen die Zahlen, trifft es Alleinstehende und Menschen, die in der Mitte ihres Lebens stehen. Bei unter 30-Jährigen liegt die Überschuldungsquote bei rund sieben Prozent. Bei den 30- bis 39-Jährigen sind es rund 15 Prozent und bei den 40 bis 49-Jährigen rund 13 Prozent.

Doch nur ein Bruchteil von ihnen macht es wie Nadine Baumann und sucht eine Schuldnerberatung auf. Viele Betroffene meiden also den Schritt, der ihnen helfen könnte – entweder aus Unwissenheit oder aus Scham. Auch Baumann fiel der Schritt zunächst schwer. In dem Moment, in dem sie erkannte, wie verfahren ihre Situation war, habe sie sich wie paralysiert gefühlt: "Ich war komplett starr", sagt sie.

Mit ihrer Familie kann sie bis heute nicht über ihre Schulden sprechen. Zu groß ist die Angst, dass ihr jemand Vorwürfe macht. Dass es Beratungsstellen gibt, wusste Nadine Baumann. Nur zum Hingehen konnte sie sich lange nicht bewegen. "Ich hatte das Gefühl, dann habe ich komplett versagt." Ein Freund half ihr eine Weile finanziell aus, doch Baumann wusste, dass es so nicht weitergehen könne. Irgendwann sei ihr klar geworden: 'Alleine schaffe ich es nicht.' Sie wählte schließlich die Nummer der AWO.

Tabu-Thema Schulden

Dass viele Betroffene sich aus Scham keine Hilfe holen, weiß auch Thomas Bode, der Göttinger Schuldnerberater. Denn Schulden gelten immer noch als Tabu-Thema. "Die meisten Betroffenen nehmen das sehr persönlich", sagt der AWO-Berater. "Und einige geben sich selbst die Schuld." Oft sei Verdrängung die Folge. Aus Selbstschutz bleiben etwa Briefe ungeöffnet und Anrufe unbeantwortet. Ein Teufelskreis. Durch Mahngebühren, weiterlaufende Verträge und Zinsen wächst der Schuldenberg immer weiter.

In der Schuldnerberatung sei der erste Schritt deshalb immer eine Bestandsaufnahme, so Bode. Wie hoch sind die Schulden? Was sind die Gründe dafür? Welche Gläubiger gibt es? Oft versuchen die Mitarbeiter der AWO, ihre Klienten auch psychologisch zu unterstützen. "Die Menschen brauchen jemanden, der sie durch diese schwere Situation leitet", sagt Bode. Es gebe deshalb viele Berater, die einen pädagogischen oder psychologischen Hintergrund hätten. Die Gespräche mit ihnen sind bei der AWO Göttingen kostenlos.

Drei Auswege

Nadine Baumann verlässt ihren ersten Beratungstermin mit mehr Zuversicht. Sie schöpft Hoffnung, merkt zum ersten Mal, dass nicht alles endgültig verloren ist und dass es noch viele andere mit den gleichen Problemen gibt. Man hat ihr erklärt, dass sie drei Möglichkeiten hat, mit ihrer Situation umzugehen: Entweder sie verhandelt, lebt mit den Schulden oder geht in die Privatinsolvenz.

Doch "um zu verhandeln, muss noch ein gewisses Einkommen da sein", erklärt Bode die Möglichkeit eins. Entscheidet sich jemand für diesen Weg, erstellt die Beratung mit dem Klienten einen sogenannten Schuldenbereinigungsplan, der als Grundlage für die späteren Einigungen mit den verschiedenen Gläubigern dient.

Wer sich für Möglichkeit zwei entscheidet und mit seinen Schulden leben möchte, wird dahingehend beraten, wie viel gepfändet werden darf und welche Maßnahmen es gibt, um die eigene Existenz zu sichern. Betroffene können etwa ihr Girokonto in ein sogenanntes P-Konto umwandeln. Auf diesem ist dann grundsätzlich ein Guthaben von rund 1250 Euro im Monat vor Pfändungen geschützt.

Die dritte und letzte Möglichkeit ist die sogenannte Privatinsolvenz. Ihr Vorteil liegt darin, dass Betroffene nach drei Jahren in der Regel von ihren Schulden befreit sind – unabhängig davon, wie hoch die Schuldensumme ist. Ausgenommen sind bestimmte Forderungen, das können zum Beispiel Unterhaltsschulden sein oder Zahlungen aufgrund einer Straftat. Mithilfe der Schuldnerberatung meldet der Ratsuchende die Privatinsolvenz beim Amtsgericht an. Ist das Verfahren eröffnet, legt das Gericht einen Insolvenzverwalter fest, der über die sogenannte Insolvenzmasse verfügt. Das pfändbare Einkommen wird abgenommen und an die Gläubiger verteilt. Hier liegt der Freibetrag, den Betroffene behalten dürfen, im Normalfall ebenfalls bei 1250 Euro pro Monat.

Wieder auf null

Sind die drei Jahre abgelaufen, werden die Schulden erlassen – auch wenn noch Forderungen der Gläubiger offen sind. Allerdings ist eine Privatinsolvenz an bestimmte Bedingungen geknüpft: Der Schuldner muss in dieser Zeit arbeiten. Ist er arbeitslos, muss er sich um eine angemessene Stelle bemühen. Außerdem muss er jede Änderung, die seine persönlichen Verhältnisse oder sein Vermögen betreffen, bei seinem Treuhänder angeben. Solche Veränderungen sind etwa Umzüge, Erbschaften oder Jobwechsel.

Nadine Baumann entscheidet sich schnell dafür, dass sie in die Privatinsolvenz gehen will. Für sie ist es die beste Möglichkeit. Denn Geld zum Verhandeln hat sie keines. Mit den Schulden zu leben, ist für sie ebenfalls keine Option: Denn irgendwann, sagt sie, wolle sie auch durch sein mit dem Thema. Und auch wenn das Insolvenzverfahren mit vielen Einschränkungen verbunden ist – Baumann ist erleichtert: "Ich habe wieder eine Zukunft", sagt sie. Die Termine bei der Beratungsstelle geben ihr Halt. Die Mitarbeiterin der AWO, die für sie zuständig ist, geht auf ihre Fragen ein, erklärt ihr den genauen Ablauf des Verfahrens und unterstützt sie in der Kommunikation mit ihren Gläubigern. Das Ohnmachtsgefühl, das sie lange begleitet hat, wird schwächer.

Bei ihrem nächsten Termin wird Baumann mit ihrer Beraterin ein Anschreiben an ihre Gläubiger schicken, in dem sie ihre derzeitige Situation schildert und versucht, sich mit diesen außergerichtlich zu einigen. Das ist Voraussetzung, damit das Insolvenzverfahren eröffnet werden kann. Gelingt die Einigung nicht, kann Baumann ihren Insolvenzantrag einreichen – und den ersten Schritt in ihre neue Lebensphase machen.

Und wenn in drei Jahren alles vorbei ist? Dann will Baumann in den Urlaub fahren. Nur einmal in ihrem Leben war sie mit Freunden vier Tage in London und manchmal als Kind mit ihren Eltern am Strand. Sobald das Insolvenzverfahren hinter ihr liegt, will sie sich ihren Traum erfüllen. Endlich ohne Schulden und eine ganze Woche lang weg sein. Irgendwo an der Ostsee.

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