Die 90er sind vorbei: Wie die letzten Videotheken in Köln überleben

Welche Strategien und Nischen sich die letzten ihrer Branche suchen.

Verstaubte VHS-Kassetten, grell bunte Filial-Leuchtreklame und ein Hintereingang zum Porno-Bereich. Wer sich heute mit der Situation von Videotheken beschäftigt, findet schnell heraus, dass die 90er-Jahre-Klischees über das Filmverleihgeschäft nicht zutreffen.

Vielmehr findet man moderne Medienfachhändler, die mit persönlicher Beratung den Geschmack ihrer Kunden bedienen – auch wenn das in Zeiten der allgegenwärtigen Online-Filmportale mitunter Nischen sind.

In letzten fünf Jahren die Zahl der Videotheken halbiert

Die Reihen der bis zum Wechsel des Jahrtausends allenthalben sichtbaren Vertreter des Gewerbes sind mittlerweile stark ausgedünnt.

So hat sich innerhalb der vergangenen fünf Jahre laut Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IvD) die Anzahl der Videotheken halbiert – auf heute weniger als 1000 in Deutschland. Und trotzdem: Die verbliebenen Betreiber wollen alles andere, als ein durch und durch düsteres Bild von der Zukunft der Videotheken zu zeichnen.

Sie behaupten sich stattdessen mit neuen Überlebensstrategien. Drei Kölner Beispiele zeigen, wie es geht.

Die Cineastin

Wer die Traumathek an der Engelbertstraße nahe dem Rudolfplatz betritt, findet sich im „Programmkino der Kölner Videotheken“ wieder. Mit der Beschreibung ihres Ladens hat sich Karin Hüttenhofer längst arrangiert – sie hat den Ruf sogar gefördert.

Ein liebevoll eingerichtetes und akribisch sortiertes Sortiment, dazu ein Veranstaltungsraum für 30 Personen, den es seit drei Jahren gibt, ansonsten Regale voller internationaler Titel der Kategorie „Der besondere Film“.

„Originalfilme waren immer meine Leidenschaft“, sagt die 52-Jährige. Das Angebot ist seit der Eröffnung im Jahr 1994 auf stattliche 15 500 Titel gewachsen. „Darunter auch noch VHS-Titel – einige Kunden wünschen sich das“, sagt Hüttenhofer. Anfassen, umschauen und in Ruhe aussuchen – das sind die Werte, die für die Cineastin ein große Rolle beim „Erlebnis Film“ spielen.

Kleine, spezialisierte Läden und Filmvorführungen

Die Traumathek ist dabei auf Clubmitglieder angewiesen, die regelmäßig kommen. „Vielen ist die schnelle Verfügbarkeit wichtiger“, sagt die 52-Jährige. Sie bedauert die Beliebigkeit, die damit einhergeht. Aufgeben will sie nicht.

Hüttenhofer setzt darauf, dass Filmvorführungen vor Publikum und geselliges Café-Ambiente die Menschen wieder anlocken: „Die Kölner müssen sich fragen, ob sie auch künftig Wert auf kleine, spezialisierte Läden legen.“

Mehr Infos unter www.traumathek.de.

Der Traditionalist

Carsten Voigt hat die Blütezeit der Videotheken in Deutschland erlebt – und  lange gut vom Filmverleih gelebt. Jetzt kommen zwar nicht mehr so viele Menschen in die letzte privat betriebene Videothek an der Buchheimer Straße in Mülheim. Aber bei Videonova gibt es noch immer Stammkunden. „Wir haben uns 2015 von 170 auf jetzt 100 Quadratmeter verkleinert“, sagt Voigt.

Das sei den hohen Mietkosten geschuldet, denen unter anderem die Erotik-Abteilung zum Opfer gefallen ist. „Früher haben Pornos bis zu 50 Prozent des Umsatzes ausgemacht“, sagt er 49-Jährige. Jetzt setzt Voigt auf Blockbuster, also die großen Hollywood-Produktionen, die Zuschauer-Massen in die Kinos locken sollen. „Wer die in guter Qualität zu Hause sehen will, kommt an der Videothek nicht vorbei“, sagt Voigt.

Mit Blue-Ray-Qualität kann kein Internetstream mithalten

Diese Titel würden „besser laufen als Nischenprodukte“. Zwar hätten die Verleiher die Zeitfenster zwischen der Verfügbarkeit in der Videothek und dem Verkaufsstart im Handel in den letzten Jahren immer wieder drastisch gekürzt – „auf jetzt noch knapp eine Woche“, wie Voigt sagt – aber mit der hochauflösenden Qualität eines Films auf Blue-Ray-CD könne eben kaum ein Stream im Internet mithalten.

Goldene Ära ist vorbei

„Die illegalen Anbieter im Internet haben das Geschäft der Videotheken stark geschädigt“, sagt Voigt, auch die Filmindustrie habe viel Geld verloren. „Das ist bedauerlich, aber  wird auch künftig wohl nicht abgeschaltet.“ Der 49 Jahre alte Videonova-Chef ist Realist genug, um zu wissen, dass  die goldene Ära vorbei sei.

„Ich freue mich über Kunden, die persönliche Beratung schätzen und von denen ich weiß, was ich ihnen empfehlen kann“, sagt Voigt. Für die mache ich das hier. Mitunter blickt er zurück in jene Tage, in denen „die Videothek noch ein Treffpunkt im Viertel“ war, in der man sich auch abseits vom Cineastentum ausgetauscht habe.  „Das war halt mal, die Zeiten haben sich geändert“, sagt Voigt. „Aber ich bleibe noch ein paar Jahre hier.“

Mehr Infos unter www.videonova.de.

Die Studenten mit Geschäftssinn

In Ehrenfeld sind aus den Videotheken Büros, Vintage-Schneidereien oder Imbisse geworden. Von dem einstigen Überangebot sind wenige geblieben. Das hat die Brüder Tobias und Benedikt Dormann nicht davon abgehalten, im Mai 2016 in Ehrenfeld eine Videothek zu eröffnen.

Das Megamax Ehrenfeld an der Vogelsanger Straße war zuvor eine Filiale der Kette Atlantis mit Stammsitz im Ruhrgebiet. „Wir haben schon während unseres Studiums der Wirtschaftswissenschaften lange hier gejobbt, dann gab es das Angebot“, sagt Tobias Dormann. Der 31-Jährige steht täglich im Laden, während sein älterer Bruder die Zahlen im Blick hat.

Mittdreißiger kennen die guten alten Zeiten noch

Das Geschäftskonzept der Brüder besteht aus einer Mischung von Nostalgie und Moderne: Die Mittdreißiger kennen selbst noch die Zeit, in der man regelmäßig zur Videothek ging. „Das war ein Treffpunkt – vor allen in der kleinen Stadt, aus der wir kommen“, sagt Dormann, „das wollen wir hier auch etablieren.“ Bislang mit Erfolg.

Ob das Modell noch eine lange Zukunft hat, wissen wir nicht – aber bis jetzt geht es auf“, sagt der Megamax-Chef. Sie beschäftigen sich genau damit, wie sich Umsatz generieren lässt. 2015 stellte der Verleih von Videospielen für 87 Prozent der Videotheken in Deutschland eine feste Größe dar, wissen die Brüder.

Ihre Idee: Sie lassen Kunden die Spiele im Laden testen. „Konsolen kosten viel Geld, die leiht man sich eher mal aus“, sagt Dormann. Stammpublikum für Filme gibt es natürlich auch, auch für die der Pornoabteilung. „Die Mischung macht’s“, sagt der Chef. Sein Fazit: „Wir sind eine moderne Familienvideothek.“

Mehr Infos unter https://de-de.facebook.com/megamaxehrenfeld.

Interview mit Video-Experte

Jörg Weinrich (54) ist seit 1994 Mitglied der Geschäftsführung im Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD) mit Sitz in Düsseldorf.

Es gibt kaum noch Videotheken. Vertritt Ihr Verein eine Branche, die es schwer hat?

Ich denke schon. Unsere Branche stammt aus den 80er Jahren, seit Beginn der 2000er haben die Videotheken in Deutschland mit Verdrängungsproblemen zu kämpfen. Seit 2003 gibt es einen Negativtrend, der bis heute anhält.

Woran liegt das?

Die Menschen bevorzugen, sich die gewünschten Titel im Internet zu besorgen. Dabei handelt es sich vorwiegend um Portale, die urheberrechtlich geschützte Produkte illegal anbieten. Zum Preis von null – da kann kein Geschäftsmann mithalten.

Welche Rolle spielen Streaming-Dienste mit Bezahlmodellen, etwa von Netflix?

Mit konkurrierenden Geschäftsmodellen muss man leben. Diese Portale haben ähnliche Probleme mit illegalen Anbietern wie Videotheken. In den meisten Fällen sind ihre Angebote teurer, der Zugang zu den Medien aber ist für Kunden bequemer. Netflix und Co bieten kaum aktuelle Ware an, die Phase des Wachstums scheint auch für sie vorbeizugehen. Bis auf wenige Ausnahmen bieten die Videotheken neue Titel als Erstes an. Leute mit Streamingdienst-Abo schauen vor allem Serien, sie haben kaum Interesse an neuen Filmtiteln.

Halten Sie Ankündigungen der Politik für glaubwürdig, stärker gegen illegale Online-Dienste vorzugehen?

Da muss man mittlerweile mehr auf die EU als auf die Bundesregierung setzen. Das Handeln von Brigitte Zypries (Anm. d. Red.: Bundesjustizministerin von 2002 bis 2009, seit 2017 Bundesministerin für Wirtschaft und Energie) hat die Präsenz dieser Portale eher noch gestärkt. Sie hat Entwürfe vorgelegt, die die Meldepflicht für Provider, also die Bereitsteller von Internetseiten, bis heute auf Behörden und Gerichte beschränkt. Damit fliegen Anbieter illegaler Inhalte noch seltener auf.

Was wäre aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Wir wären schon ein Stück weiter, wenn ein Werbeverbot auf illegalen Internetseiten eingeführt würde. Der Markt boomt und finanziert und fördert den Diebstahl. In dem Zusammenhang müssten die Rechenzentren dafür haftbar gemacht werden können, dass sie bewusst ihre Server für die illegalen Inhalte bereitstellen.

Wird es in fünf bis zehn Jahren noch Videotheken geben?

Schwer zu sagen. Zu einer Neueröffnung würde ich nicht raten. Ob eine Videothek überleben kann, hängt aber von unterschiedlichen Faktoren ab. Etwa die Lage und die Mietkosten für Räume – daran sind vor allem in Großstädten traditionsreiche Filialen zugrunde gegangen. Ein weiterer Faktor ist die flächendeckend verfügbare, schnelle Internetverbindung – hier sind ländliche Gegenden oft schlechter versorgt, die Menschen gehen eher noch in die Videothek. Aber auch kreative Geschäftsmodelle und Werbeaktionen können helfen. Neben vergleichsweise günstigen Preisen gehört der persönliche Kontakt zur Stärke der Videothek. So können sie auch heute überleben.

Das Gespräch führte Ingo Hinz ...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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