„Acht Brücken“: Eötvös dirigiert zur Eröffnung des Musik-Festivals

Das Festival findet bereits zum siebten Mal in Köln statt.

Es lebt auch heute noch, das Oratorium, stellte der Moderator Michael Struck-Schloen irgendwie mit Genugtuung zu Beginn fest. In der Tat, die altehrwürdige, aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts stammende Gattung ist sogar quicklebendig, wie jetzt das Eröffnungskonzert des Kölner Acht-Brücken-Festivals in der Philharmonie bewies.

Dort brachten nämlich – unter der äußerst konzentrierten Leitung des Komponisten – WDR-Rundfunkchor und -Sinfonieorchester Peter Eötvös’ „Halleluja – Oratorium balbulum“ zur imposanten deutschen Erstaufführung (die Uraufführung hatte im vergangenen Jahr in Salzburg stattgefunden).

Genre ironisch dekonstruiert

Selbstredend kann hier kein Hörer mehr etwas in der Traditionslinie Händel – Haydn – Mendelssohn erwarten. Wer als Gegenwartskomponist auf sich hält, kommt kaum daran vorbei, musikgeschichtlich etablierte Genres, wenn er sich auf sie bezieht, zugleich ironisch zu dekonstruieren.

Genau dies geschieht bei Eötvös und seinem Librettolieferanten – dem im vergangenen Jahr verstorbenen ungarischen Tausendsassa und Literaturclown Péter Esterházy – bereits im Titel: Oratorium balbulum heißt so viel wie „stammelndes Oratorium“. Damit wird sogleich das Verhältnis von Musik und Sprache – es ist das Leitthema der diesjährigen Festivalausgabe – zum Problem: Stottern kann als Sprachnot, ja als Sprachverweigerung ausgelegt werden. Und eine sublime kulturgeschichtliche Anspielung liegt auch noch vor: auf den Mönch Notker Balbulus von Sankt Gallen, den illustren Verfasser mittellateinischer Literatur.

Als sein Wiedergänger erscheint bei Esterházy/Eötvös ein vom Tenor Topi Lehtipuu bewundernswert realisierter stotternder „Prophet“. Den Notker-Zusammenhang braucht sich der Hörer nicht selbst zu erschließen, er wird ihm von einem – von fern mit Bachs Evangelisten verwandten – „Narrator“ (wieder einmal ganz abgeklärt-cool Matthias Brandt) mitgeteilt. Der wiederum merkt unverblümt an, sein Wissen aus Wikipedia bezogen zu haben. Der auftretende Engel hingegen ist betrunken, seit er sich mit Friedrich Nietzsche über Gott unterhalten hat – die Mezzosopranistin Iris Vermillion stellt die beschädigte Figur großartig lasziv dar.

„Wenn wir nicht singen, sind wir Gewerkschaftsmitglieder“

Überhaupt scheint der „höhere Sinn“ des Werkes, das im Untertitel hintergründig als „vier Fragmente“ bezeichnet wird, in einem Spiegelparcours der Selbstdementierungen, Autoreferenzen, Paradoxien, Text-über-Text-Konstruktionen zu verdunsten. Die sind neben vielem anderen auch dies: hoch komisch. „Wenn wir nicht singen, sind wir Gewerkschaftsmitglieder“, lässt der Chor verlauten, und solche köstliche Fundstücke gibt es viele. Klar: Gott, der bevorzugte Gegenstand des Traditionsoratoriums, bleibt hier nicht nur wegen Nietzsche eine Leerstelle, und mit den letzten Dingen tut es sich überhaupt schwer.

Die Erzählung über die Katastrophe von 9/11 verläuft im Irgendwo. Trotzdem erschöpft sich das Stück nicht in postmodern-klamaukigen Sandkastenspielen. Vielmehr darf die immer wieder gleichsam angetanzte Frage, wie es weitergehen soll nach dem Ende der Geschichte, als spirituelles Zentrum vermutet werden: „Dass alles wirklich ein Ende hat“, verkündet der Narrator, „das ist der langfristige Optimismus unsers Oratoriums.“

Eötvös spielt mit der europäischen Musikgeschichte

Und wo bleibt das Halleluja? Nun, hier kommt Eötvös’ Musik zur Geltung, die das Ganze als ein üppiges, die Klangmöglichkeiten des modernen Großorchesters voll ausreizendes Pasticcio entwirft. Wie Esterházy mit der Literaturgeschichte, so spielt Eötvös mit der europäischen Musikgeschichte. Und hineinmontiert ins vielgestaltige Gewebe werden Halleluja-Kompositionen von Monteverdi über Bach und Mozart bis hin zu Mussorgsky. Eine glänzend-böse Montage, gipfelnd in einem überwältigend anarchischen Quodlibet im Schlussteil. Nein, die Zeit des authentischen geistlichen Jubels ist trotz aller neuen Heiterkeit vorbei, er überlebt nur im Zitat.

Angesichts des großen äußeren Aufwands und der darob absehbar seltenen Aufführungsgelegenheiten für dieses „Oratorium balbulum“ hätte man dem Konzert durchaus noch ein paar Zuschauer mehr gewünscht. Auch wollte der einleitende Appell von WDR-Intendant Tom Buhrow (der Sender ist Mitträger des Festivals) gehört sein: „Unterstützen Sie uns, damit wir die Kultur unterstützen können.“

Schließlich entging dem Nicht-Gekommenen neben Luciano Berios „Chemins I (sur Sequenza II)“ mit dem ausgezeichneten Harfenisten Andreas Mildner auch die – ebenfalls aus Aufwandsgründen überaus selten aufgeführte – vierte Sinfonie von Charles Ives.

Die erfordert einen derart gigantischen Apparat (inklusive Fernorchester), dass neben Eötvös mit Mariano Chiacchiarini noch ein zweiter Dirigent fällig wurde. Diese klingende Neuengland-Welt aus Märschen, Hymnen und Siedlerliedern, verbunden mit avancierten Kunstmitteln wie Zwölftonreihe und Fuge, startet freilich auch zumal im zweiten Satz einen brutalen Angriff auf das Innenohr – selbst das Spiel des Pianisten Paulo Álvares ging da in den Klangprotuberanzen des Riesenorchesters einigermaßen unter....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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