AfD-Europaabgeordnete verbreitet Falschinfos über Todesfälle nach der Corona-Impfung

Schätzungen zufolge haben die Covid-19-Impfstoffe weltweit Millionen Menschenleben gerettet. Die AfD-Europaabgeordnete Christine Anderson behauptet in einem Interview, 17 Millionen Menschen seien wegen mRNA-Impfungen gestorben – wofür es jedoch keine belastbaren Beweise gibt. Anderson stellt zudem Aussagen der Direktorin der Europäischen Arzneimittelbehörde vor einem Ausschuss des Europäischen Parlaments falsch dar und behauptete, die Impfstoffe seien nicht getestet worden. Sie wurden jedoch klinischen Studien unterzogen.

"Die mRNA-Impfungen könnten 17 Millionen Menschen weltweit getötet haben", sagt die AfD-Europaabgeordnete Christine Anderson in einem Interviewausschnitt, der in sozialen Medien wie Telegram, Facebook und X verbreitet wird. Außerdem seien die Impfstoffe "nie getestet" worden. Die Behauptung kursiert zudem auf Niederländisch und Englisch.

Der Ausschnitt stammt aus einem 16-minütigen Interview der Politikerin mit "Riks Europe". Das schwedische Medium hat Verbindungen zur rechtspopulistischen Partei Schwedendemokraten, wie eine Stichwortsuche von AFP ergab. Seit seinem Erscheinen am 15. Mai 2024 auf dem Youtube-Kanal von "Riks Europe" wurde das Interview über 100.000 Mal angesehen.

<span>Telegram-Screenshot der Behauptung: 3. Juli 2024</span>
Telegram-Screenshot der Behauptung: 3. Juli 2024

AFP hat bereits zuvor Falschinformationen widerlegt, die von "Riks Europe" verbreitet wurden. Auch Anderson, die bei der Wahl des Europäischen Parlaments im Juni 2024 wiedergewählt wurde, verbreitete in der Vergangenheit bereits ebenfalls Falschinformationen, zum Beispiel über die Corona-Impfungen oder die EU.

Anderson gab Zahlen falsch wieder

In einem Teil des Ausschnitts bezieht sich Anderson auf ihre Arbeit im EU-Sonderausschuss zur Coronapandemie, den Mitglieder des Europäischen Parlaments einrichteten, um die Auswirkungen der Pandemie zu untersuchen und Lehren daraus zu ziehen. "Es hieß, der mRNA-Impfstoff habe 20 Millionen Leben gerettet", sagt Anderson. "Das ist eine eklatante Lüge." Diese Zahl beziehe sich Anderson zufolge auf alle jemals verabreichten Impfungen in der Geschichte, was auch die Direktorin der Europäischen Arzneimittelbehörde habe zugeben müssen. Anderson scheint jedoch die Aussagen von Emer Cooke, der Direktorin der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) falsch wiederzugeben.

Mithilfe einer Stichwortsuche fand AFP einen Mitschnitt von Cookes Aussagen während der Sitzung des Corona-Ausschusses vom 27. März 2023 (hier archiviert). Es sei das einzige Mal gewesen, dass die EMA an einer Sitzung des Corona-Sonderausschusses teilgenommen habe, erklärte eine Sprecherin der Behörde in einer E-Mail an AFP am 20. Juni 2024.

In dieser Sitzung bezogen sich sowohl Cooke als auch die EU-Kommissarin für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Stella Kyriakides auf die Zahl von 20 Millionen geretteten Leben durch die Corona-Impfstoffe, sprachen dabei allerdings von allen Covid-19-Impfstoffen und nicht nur jenen mit mRNA-Technologie, wie Anderson behauptet.

"20 Millionen Leben wurden durch alle Impfstoffe gerettet, nicht nur durch mRNA-Impfstoffe", erklärte Cooke am Ende der Anhörung. Sie sagte jedoch nicht, diese Zahl beziehe sich auf die gesamte Geschichte aller Impfstoffe gegen unterschiedliche Krankheiten, wie Anderson es widergab. Als Quelle dieser Zahl gab die EMA-Sprecherin auf Anfrage eine Studie von Juni 2022 an, die in der Fachzeitschrift "The Lancet" erschienen ist (hier archiviert). In dieser Studie fanden die Forschenden heraus, dass die Covid-Impfungen im ersten Jahr seit der Zulassung weltweit zwischen 14 und 20 Millionen Leben gerettet hätten.

In Bezug auf alle durch Impfungen gerettete Leben in der gesamten Geschichte gibt eine andere im "Lancet" erschienene Studie vom 24. April 2024 an, die Zahl belaufe sich auf ungefähr 154 Millionen.

Behauptung der millionenfachen Impftoten widerlegt

Zu ihrer weiteren Behauptung, 17 Millionen Menschen seien aufgrund der mRNA-Impfungen gestorben, liefert  Anderson keine Quelle. AFP widerlegte die Behauptung bereits 2023, als die Website "Epoch Times" einen Artikel darüber veröffentlichte. Die Website fiel bereits häufiger mit Falschinformationen über Impfstoffe und die Pandemie, aber auch andere Themen wie krebserregende Stoffe in Aperol auf.

Die Ergebnisse des Berichts, den "Epoch Times" zitiert und der nicht von Experten überprüft wurde, seien jedoch fehlerhaft, erklärten Experten gegenüber AFP. Todesfälle infolge von Covid-Impfungen seien zudem selten.

Die Schlussfolgerungen des Berichts basieren auf Daten des World Mortality Dataset, Our World in Data und einigen anderen regionalen Quellen. Die Autorinnen und Autoren stellen zutreffend fest, dass die Übersterblichkeit – also jene Todesfälle, die über die erwartete Rate eines "normalen" Jahres hinausgehen – zu Beginn des Jahres 2022 nach einem Anstieg der Corona-Impfungen ebenfalls anstieg.

Oliver Watson von der School of Public Health des Imperial College London erklärte gegenüber AFP in einer E-Mail vom 4. Oktober 2023, dass der Bericht nur eine "Korrelation zwischen der Einführung des Impfstoffs und dem Anstieg der Sterblichkeitsrate" herstelle. Dabei berücksichtige er allerdings andere Ereignisse nicht, die die Spitzenwerte verursacht haben könnte.

Es gab einige Spitzenwerte der Übersterblichkeitsrate während der Corona-Pandemie. AFP hat jedoch bereits darüber berichtet, dass dies eher auf Infektionen mit dem Coronavirus und nicht die Impfungen dagegen zurückzuführen sei. 

"Wenn überhaupt, dann haben die die Impfstoffe die Sterblichkeit in den letzten Jahren wahrscheinlich reduziert", erklärte Richard Watanabe, Professor für Bevölkerungswissenschaften und öffentliche Gesundheit an der University of Southern California, in einer E-Mail vom 3. Oktober 2023.

Der in den USA zu gesundheitspolitischen Themen forschenden Kaiser Family Foundation zufolge schätzen Forschende, dass das Cornavirus selbst zu mehr als sieben Millionen Todesfällen weltweit geführt hat. Seit ihrer Markteinführung wurden weltweit fünf Milliarden Covid-Impfdosen verabreicht.

Impfstoffe wurden getestet

Im Gegensatz zu Andersons Behauptung, die Impfstoffe seien "nie getestet worden", erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO, dass Covid-Impfstoffe klinischen Tests mit "Menschen aller Altersgruppen, aller Geschlechter, verschiedener Ethnien und mit bekannten Erkrankungen" unterzogen worden seien.

Klinische Studien sind in drei Phasen unterteilt, wie die EMA online erklärt. Die erste soll sicherstellen, dass sich ein Medikament so verhält wie erwartet. Mit der zweiten Phase soll die beste Dosierung festgestellt werden, während die dritte Phase dazu da ist, die "Effizienz und Sicherheit" eines Impfstoffes zu beurteilen.

Die Ergebnisse der dritten Phase, an der tausende Probandinnen und Probanden teilnehmen, sind beispielsweise für Moderna und Pfizer veröffentlicht worden. Zwar wurde der Zulassungsprozess für Covid-Impfstoffe wegen der weltweiten Dringlichkeit beschleunigt, er bestand jedoch aus denselben Schritten wie der Prozess eines jeden anderen Impfstoffes auch.

<span>mRNA-Impfstoffe liefern genetischen Bauplan für Antigene: Wirkweise des Impfstoffes von Pfizer-Biontech - Schaubild.</span><div><span>John SAEKI</span><span>Laurence CHU</span><span>Matthias BOLLMEYER</span><span>AFP</span></div>
mRNA-Impfstoffe liefern genetischen Bauplan für Antigene: Wirkweise des Impfstoffes von Pfizer-Biontech - Schaubild.
John SAEKILaurence CHUMatthias BOLLMEYERAFP

2021 veröffentlichte das British Medical Journal eine Untersuchung, die sich auf die Aussage eines Informanten bei dem Subauftragnehmer Ventavia stützt, der eine kleine Anzahl von Studien für Pfizer in den USA angefertigt hat. Die Untersuchung beanstandete verschiedene mangelhafte Praktiken in diesen Studien.

Ventavia testete nur etwa 1000 Menschen von ungefähr 44.000, die an den Versuchen teilnahmen. Nach den Vorwürfen erklärte die US-Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde (FDA), sie habe "volles Vertrauen in die Daten, die für die Zulassung des Pfizer-BioNTech Covid-19-Impfstoffs und Comirnaty herangezogen wurden". Eine Klage des Informanten gegen Pfizer wurde im April 2023 von einem Richter in Texas abgewiesen.

Die mRNA-Technologie wird oft als "experimentell" bezeichnet, ist aber nicht neu. Die Technologie wurde 20 Jahre lang zur Vorbeugung anderer Krankheiten untersucht, bevor sie zur Entwicklung für Corona-Impfstoffe als Reaktion auf die Pandemie eingesetzt wurde, erklärte die EMA. "Die Technologie wurde in den späten 1960er Jahren entdeckt und seit Anfang der 1990er Jahre ausgiebig getestet", erklärte EMA-Direktorin Cooke in einem Schreiben an die Europaabgeordneten des Corona-Ausschusses im Anschluss an ihre Anhörung.

Cooke erwähnte das bereits während der Ausschusssitzung. "Comirnaty war der erste in der EU zugelassene Impfstoff, der auf mRNA-Technologie basiert, aber mRNA wurde bereits seit einigen Jahren für andere infektiöse Krankheiten, Influenza oder auch Zika in Labortierversuchen sowie in frühen klinischen Studien an Menschen getestet", sagte sie. "Wir hatten einige Erfahrung mit der Technologie, nicht mit der tatsächlichen Behandlung der Krankheit." AFP hat bereits mehrfach Behauptungen zur angeblich fehlenden Zulassung der Corona-Impfstoffe überprüft.

Wissenschaft bestätigt Wirksamkeit der Covid-Impfstoffe

Auch Andersons weiterer Behauptung, der Corona-Impfstoff sei nicht "sicher und wirksam", widerspricht der aktuelle wissenschaftliche Konsens zu diesem Thema. "Die Covid-Impfstoffe haben in allen Bevölkerungsgruppen ein hohes Maß an Wirksamkeit gezeigt", schreibt die WHO auf ihrer Website.

Epidemiologinnen und Epidemiologen haben AFP immer wieder erklärt, dass die Impfungen schwere Erkrankungen und Todesfälle wirksam verhindern und die Risiken den möglichen Nebenwirkungen überwiegen.

Häufige Nebenwirkungen des Impfstoffes können Fieber, Kopfschmerzen und Müdigkeit sein. In sehr seltenen Fällen klagten laut Paul-Ehrlich-Institut (PEI) geimpfte Personen über schwere Nebenwirkungen wie Myokarditis oder Perikarditis.

Nach der Zulassung wird ein Corona-Impfstoff weiterhin regelmäßig untersucht, da sich das Virus "fortlaufend verändert und sich entsprechend auch die Wirksamkeit der Impfstoffe gegen die neuen Virusvarianten ändern kann", erklärt das RKI. Cooke erklärte in ihrer Antwort auf eine von Andersons Fragen, dass sowohl unabhängige Forschung als auch "regelmäßige Pharmakovigilanz-Tätigkeiten der Zulassungsinhaber, der zuständigen nationalen Behörden und der EMA" darauf abzielen, das "vorteilhafte Nutzen-Risiko-Profil der Covid-19-Impfstoffe" zu gewährleisten.

Weitere Faktenchecks zu den Themen Covid-19 und Impfungen sammelt AFP auf ihrer Website.

Fazit: Für die Aussage der AfD-Europaabgeordneten Christine Anderson, aufgrund der mRNA-Impfungen gegen das Coronavirus seien 17 Millionen Menschen gestorben, gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Zudem gab sie weitere Ausführungen der EMA-Direktorin Emer Cooke in einem Interview falsch wieder.