Affenpocken: "Wir wissen nicht, wie weit sich das Virus schon verbreitet hat"

Ifedayo Adetifa leitet die nigerianische Seuchenschutzbehörde. Das Land kämpft seit Jahren gegen die Affenpocken. Nur habe das den Westen zu lange nicht interessiert.

Das Affenpockenvirus verbreitet sich vor allem durch engen Kontakt von Mensch zu Mensch. In dieser Aufnahme sind eingefärbte Viruspartikel unter dem Elektronenmikroskop zu sehen. © NIAID
Das Affenpockenvirus verbreitet sich vor allem durch engen Kontakt von Mensch zu Mensch. In dieser Aufnahme sind eingefärbte Viruspartikel unter dem Elektronenmikroskop zu sehen. © NIAID

Der Affenpocken-Ausbruch weitet sich aus. Weltweit gibt es bereits mehr als 2.500 laborbestätigte Infektionen. Das Robert Koch-Institut zählt fast 500 Fälle aus 14 Bundesländern. Deutschland und andere Länder stünden heute wohl besser da, wenn sie die Krankheit nicht jahrelang für ein rein afrikanisches Problem gehalten hätten, sagt Ifedayo Adetifa, Leiter des nigerianischen Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention. Noch sei es aber nicht zu spät, um den Ausbruch einzudämmen.

ZEIT ONLINE: Herr Adetifa, diese Woche entscheidet die Weltgesundheitsorganisation WHO darüber, ob der aktuelle Affenpocken-Ausbruch als internationaler Gesundheitsnotfall eingestuft wird. Wäre das gerechtfertigt?

Ifedayo Adetifa studierte Medizin in Nigeria und Epidemiologie an der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Er ist Experte für die Erforschung von Impfprogrammen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Seit Herbst 2021 ist er Generaldirektor des nigerianischen Zentrums für Seuchenbekämpfung, NCDC.
Ifedayo Adetifa studierte Medizin in Nigeria und Epidemiologie an der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Er ist Experte für die Erforschung von Impfprogrammen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Seit Herbst 2021 ist er Generaldirektor des nigerianischen Zentrums für Seuchenbekämpfung, NCDC.

Ifedayo Adetifa: Der Ausbruch ist der größte Ausbruch von Affenpocken, den es jemals gab. Bislang traten außerhalb Afrikas nur hier und da einige importierte Fälle auf. Die meisten Infektionen gab es 2003 in den USA. Damals steckten sich Menschen bei Präriehunden an, die sie als Haustiere hielten. Die Präriehunde hatten sich das Virus wiederum von aus Ghana importierten Nagern geholt, mit denen sie zusammengehalten wurden. Insgesamt erkrankten 47 Menschen.

Jetzt haben wir eine ganz andere Situation. Es gibt viele voneinander unabhängige Infektionsketten und schon Tausende bestätigte Fälle außerhalb Afrikas, vor allem in Europa. Es besteht das Risiko, dass das Virus vom Menschen zurück auf Tiere springt und sich ein stabiles Tierreservoir bildet, das zur Quelle für zukünftige Ausbrüche wird. Für mich wäre es daher nicht überraschend, wenn die WHO den Ausbruch als Gesundheitsnotfall einstuft. Klar ist: Die Situation muss unter Kontrolle gebracht werden.

ZEIT ONLINE: Wie kam es denn zu diesem ungewöhnlich großen Ausbruch?

Adetifa: Das ist die große Frage. Vieles deutet darauf hin, dass das Virus schon eine ganze Weile unentdeckt zirkulierte, ohne dass die Überwachungssysteme ansprangen. Wahrscheinlich haben dann Superspreading-Ereignisse zur Verbreitung beigetragen. Danach sind die Menschen in ihre gewohnten Kontaktstrukturen zurückgekehrt und haben das Virus weiterverbreitet. Unklar ist, ob sich das Virus so verändert hat, dass es besser an den Menschen angepasst ist und sich dadurch nun effizienter überträgt. Auch das könnte dazu beigetragen haben, dass wir jetzt einen so großen Ausbruch haben. Aber ob das wirklich so ist, lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen.

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